Die Seltsamen

Autoren
Übersetzer
Hannes Riffel
Verlag
Diogenes Verlag

Zusammenfassung zu “Die Seltsamen”

London, im 19. Jahrhundert. Bartholomew Kettle wohnt mit seiner Schwester Nettie und seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Als Kinder einer Menschenfrau und eines Elfenmanns sind sie den Vorurteilen und dem Hass der Bevölkerung ausgesetzt und müssen sich verstecken. Eines Tages beobachtet Bartholomew aus seinem Geheimversteck auf dem Dachboden das Verschwinden des Nachbarsjungen. Die Entführerin ist eine elegante Dame in einem violetten Kleid. Als Bartholomew den Ort des Geschehens untersucht, findet er einen magischen Kreis, der ihn in ein fremdes Zimmer führt, aus dem er im letzten Moment fliehen kann, bevor er entdeckt wird. Nachdem nun auch sein einziger Freund verschwunden ist, fühlt sich der Junge einsamer denn je und beschließt, entgegen der entsetzten Verbote seiner besorgten Mutter, einen Hauselfen heraufzubeschwören. Als tatsächlich des Nachts ein fremdes Wesen die Familie besucht und schließlich seine Schwester verschwindet, glaubt Bartholomew, dass er einen großen Fehler gemacht und die Bedeutung der Beschwörung unterschätzt hat…

Unterdessen muss sich der unauffällige junge Parlementsabgeordnete Arthur Jelliby mit dem Justizminister, einem Hochelfen namens Mr Lickerish, auseinandersetzen, nachdem er diesen verärgert und seltsame Geschehnisse in dessen Haus entdeckt hat. Mr Jelliby stellt fest, dass ausgerechnet Mr Lickerish hinter den Morden an „Seltsamen“ (Mischlingskindern von einem Menschen und einem Elfen) zu stecken scheint. Und die nächste Entführung ist schon geplant. Mr Jelliby, eigentlich kein Held, ringt mit sich und seinem Gewissen und entschließt sich letztendlich doch, den Versuch zur Rettung des Kindes zu unternehmen. Doch er kommt zu spät: Als ihn seine Spur in die Krähengasse führt, trifft er dort nur den völlig aufgelösten Bartholomew, der ihm von der Entführung seiner Schwester erzählt. Gemeinsam heften sich die beiden ungleichen Gefährten an die Fersen der Dame in Violett…

Wichtige Charaktere

  • Bartholomew Kettle
  • Arthur Jelliby
  • Nettie Kettle
  • John Lickerish
  • Mr Zerubbabel
  • Melusine
  • Jack Box

Zitate

„Die meisten von Ophelias ‚lieben Freundinnen‘ kannte er nur zu gut. Klatschweiber, alle miteinander. Sie machten es sich zur Aufgabe, alles über jeden herauszufinden und diese Informationen dann unter die Leute zu streuen wie Blumen bei einer Hochzeit. Hatten sie erst etwas Skandalöses erfahren, wusste bald jeder Salon in London darüber Bescheid. Was für eine Demütigung! Was für eine Schande für seinen guten Namen! Bisher war er stets für einen sympathischen Müßiggänger gehalten worden, den man zu einer Party einladen konnte, ohne befürchten zu müssen, er würde heikle Themen wie Feenintegration oder Romane von Charles Dickens zur Sprache bringen. Bisher hatte niemand von Mr Jelliby groß Notiz genommen, aber wenistens hatte auch niemand schlecht von ihm gedacht. Und jetzt? Jetzt würden die Leute anfangen, alle möglichen Geschichten über ihn zu erfinden. Vor seinem geistigen Auge sah er eine Schar Gänse mit langen Hälsen, die, in Reifröcken herausgeputzt, in einem muffigen Salon saßen und über ihn lästerten.“

„Zwanzig Minuten, nachdem der Feen-Gentleman Melusine aus dem Zimmer getrieben hatte wie eine bockige Ziege, kauerte Mr Jelliby noch immer in dem Kabinett. Er hielt die Augen geschlossen, und das Blut pulsierte im Rhythmus eines Parademarschs in seinem Kopf. Er hatte das Gefühl, verrückt zu werden. Sein Gehirn schmerzte. Er war sich fast sicher, dass es jeden Moment aus seiner Nase herausgerutscht kommen und auf Tentakelfüßen durch das Zimmer davontrippeln würde.“

Alle Bände der Reihe

1. Die Seltsamen
2. The Whatnot (deutsche Übersetzung im Herbst 2014)

Trailer zum Buch

Musik zum Buch von Stefan Bachmann komponiert

Links

Leseprobe (PDF) beim Verlag zum Download
Stefan Bachmann im Buchhexe-Interview

Persönliche Bewertung

Furioses Debüt eines jungen Autors, in atemberaubender Sprache

5 von 5

Es mag abgedroschen und sensationslüstern klingen, von Stefan Bachmann als „Wunderkind“ zu sprechen. Wer „Die Seltsamen“ gelesen hat und das Alter des jungen Autors kennt, kommt jedoch nicht umhin, von der erstaunlichen Reife der Geschichte und Sprache beeindruckt zu sein. Wo andere jugendliche Autoren (denn Bachmann schrieb seinen Roman als Jugendlicher) Geschichten voller Klischees schreiben, die sich zu nahe an ihren Vorbildern bewegen, die sich vor allem von Teenager-Träumen nähren und es niemals unter die Oberfläche schaffen, legt Stefan Bachmann ein Buch vor, vor dem man nur den Hut ziehen kann. Der Autor beweist ein bemerkenswertes schriftstellerisches Talent, bedient sich eines anspruchsvollen Schreibstils, den viele seiner schreibenden Kollegen in jahrzehntelanger Autorenkarriere nicht erreichen. Meisterhaft beschreibt Bachmann Kulissen und Charaktere, fängt Stimmungen und Atmosphären ein. Beispielsweise die Körperhüllen der entführten Kinder sind so lebensnah, dass sie der Geschichte eine sehr schaurige Note verpassen. Natürlich darf an dieser Stelle nicht versäumt werden, die brillante Leistung des Übersetzers Hannes Riffel zu loben, der nah an der Vorlage geblieben und die Geschichte in eine angemessen eindrucksvolle Sprache übersetzt hat.

Den „Seltsamen“ ist Bachmanns Vorliebe für Fantasyliteratur und Steampunk-Einflüsse deutlich anzumerken. Die Geschichte spielt im 19.Jahrhundert, entsprechend bilden Arbeiterviertel und Dampfeisenbahnen, daneben mechanische Vögel und ein Luftschiff die Kulisse für die Handlung. Wer sich mit dem Genre Fantasy ein wenig auskennt, findet bekannte Elemente und Figuren (beispielsweise die Hochelfen oder das Portal zur Elfenwelt), von Klischees kann jedoch keine Rede sein. Zu eigenständig ist die Geschichte, zu gekonnt sind Handlung und Charaktere ausgearbeitet. Auch Bezüge zum realen Leben webt Bachmann geschickt ein: Was, wenn der größte Schurke ein angesehener Politiker ist, der für zahlreiche Gewaltverbrechen verantwortlich ist, aber erhebliche Macht besitzt und den Schutz einflussreicher Beziehungen genießt? Parallelen zur Realität mag jeder Leser und jede Leserin selbst herstellen.

Mindestens die beiden so unterschiedlichen Helden der Geschichte, aber auch die Nebenfiguren wie der Elfenminister mit seinen finsteren Plänen, aber auch seinem verständlichen Frust angesichts der Vorurteile gegenüber seines Volkes, die Dame in violett mit ihrem unheimlichen Geheimnis oder die zwielichtige Grünhexe faszinieren. Passend dazu fesseln die „Seltsamen“ mit fantasievollen Kulissen wie zum Beispiel dem düsteren Haus des Hochelfen, dem verzauberten Haus von Mr Jelliby, das ihm nach dem Leben trachtet, dem Luftschiff oder der abgeschiedenen Hexenhütte. Im Gegensatz dazu steht Bartholomews deprimierendes Zuhause, das jedoch bei aller Tristesse und Armut in der Umgebung durch das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie und sein Geheimversteck dennoch einen heimeligen Eindruck vermittelt.

Erzählt wird die Geschichte durch einen auktorialen Erzähler, der vor allem auf Mr Jelliby und Bartholomew fokussiert. Diese beiden so unterschiedlichen Charaktere tragen einen erheblichen Teil dazu bei, „Die Seltsamen“ so anziehend zu machen. Während Bartholomew weitgehend isoliert als Außenseiter aufwächst, von Menschen und Elfen abgelehnt (Bezüge zum Thema Rassismus liegen hier nahe), führt Mr Jelliby ein unauffälliges bürgerliches Leben in Wohlstand. Im Verlauf der Handlung zwingt ihn seine Moral, sein Gewissen, über sich selbst hinauszuwachsen. Aus dem etwas langweiligen und angepassten jungen Mann wird ein Abenteurer, ein Held. Statt einer Liebegeschichte (wie sie so oft in Fantasybüchern und erst recht im populären Romantasygenre vorkommt, mit dem dieses Buch rein gar nichts gemein hat) erzählt Bachmann eine Freundschaftsgeschichte zwischen zwei gegensätzlichen Figuren. Aus der anfänglichen Zurückhaltung bzw. Abneigung zwischen Mr Jelliby und Bartholomew entwickelt sich eine Verbundenheit, die sich sicherlich im zweiten Band fortsetzen wird. Dieser erste Band endet mit einem Cliffhanger, der die Ungeduld und Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Bartholomew und Mr Jelliby im zweiten Band (angekündigt für den Herbst 2014) erheblich steigert.

Fazit

Eine ungewöhnliche Aufmachung in Hardcoverformat mit ausgefallener Haptik und ein ebenso außergewöhnlicher Inhalt machen dieses Buch zweifelsohne zu einem echten Highlight der fantastischen Literatur im Jahr 2014. Bachmanns imposante Sprache, die intelligente Geschichte und die Wahl faszinierender Charaktere sorgen für anspruchsvollen Lesegenuss, der nur nachdrücklich empfohlen werden kann!

Originaltitel
The Peculiar
ISBN10
3257068883
ISBN13
9783257068887
Dt. Erstveröffentlichung
2014
Gebundene Ausgabe
367 Seiten

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