Muslim Girls

Wer wir sind wie wir leben

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Verlag
Eichborn Verlag

Zusammenfassung zu “Muslim Girls”

Sineb El Masrar wurde 1981 als Kind marokkanischer Einwanderer in der niedersächsischen Provinz geboren. 2006 nahm sie deutsche Staatsbürgerschaft an. „Muslim Girls“ ist ihre ganz persönliche Sicht auf ihr Heimatland Deutschland und dessen Umgangsgebaren seinen Einwanderern gegenüber. Die Autorin will „vorurteilsbeladende Seifenblasen zum Platzen bringen“. Und für einen klareren Durchblick der Mehrheitsgesellschaft auf die Mit-und-ohne-Kopftuch-Mädchen sorgen. Stationen auf diesem Weg ist zuerst einmal die Auseinandersetzung mit dem „Schleier“ und das Wegräumen des Vorurteils, dass es sich bei den Muslim Girls um eine auch nur in Ansätzen homogene Gruppe handeln würde. Darauf folgt ein Diskurs über die Geschichte der Muslime in Deutschland – und auch über die Wahrnehmung deutscher Kolonialpolitik in den Herkunftsländern der Einwanderer. Der „Clash of Culture?“ ist für El Masrar zuerst und überhaupt im „Kampf der Schulsysteme“ zu verorten. Das deutsche Schulsystem benachteiligt Einwanderer und grenzt sie aus. Grundsätzlich. Punkt. Später folgt eine reflektierte gründliche Auseinandersetzung mit dem Wörtchen zwischen aus der Floskel „Zwischen den Welten“, die wohl nicht nur der Autorin permanent über den Weg läuft. Denn es gibt kein „zwischen“, kann es auch nicht, denn es gibt auch nur eine Welt. Sehr fraulich, die langen Kapitel über Mode, Inneneinrichtung und vor allem über Tradition und Handhabung der Haarentfernung. Selbst der „Muslima 2.0“ ist ein Kapitel gewidmet. Denn gute Vernetzung macht das Leben einfach leichter. Sehr schön, dass Schlusskapitel „Schade, Jubiläum ohne Party“. Fünfzig Jahre Einwanderung – und niemand feiert. Wirklich schade, es wäre eine echte Chance seinen Nachbarn, der mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit irgendwie einen Migrationshintergrund hat, ein wenig besser kennenzulernen.

Zitate

„Das sind wir also! Diese Horde dahergelaufener Terrorismus-Sympathisantinnen. Die sich mit ihren muslimischen Männern wir Karnickel vermehren, ein Kopftuchmädchen nach dem anderen produzieren und willenlos in der Küche des Hauses auf Befehle ihrer Väter, Brüder und Ehemänner warten. Um danach noch schamlos das deutsche Sozialsystem wie eine reife Zitrone auszuquetschen. Wenn Sie derlei oder ähnliche Bekenntnisse auf den kommenden Seiten erwarten, dann sollten Sie dringend weiterlesen – zwecks Horizonterweiterung.“

„Ärgerlicherweise verknüpfen sich die Darstellung der politischen Lage in islamischen Ländern mit den Ereignissen hierzulande in unseren Köpfen zu einem völlig verzerrten Bild vom Islam und insbesondere von muslimischen Frauen. Immerwährend sind wir ausschließlich von Gewalt und Unterdrückung betroffen. Humor und Freude, innerer und äußerer Reichtum, Kreativität und starker Wille – das sind Vokabeln, die mit muslimischen Frauen kaum bis gar nicht in Verbindung gebracht werden. Sitzen wir wirklich den ganzen Tag weinend und eingesperrt zu Hause?“

„Aber entgegen dieser Ignoranz haben es viele Muslim Girls dennoch geschafft, nicht völlig zu verblöden, sondern einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung zu machen – dem deutsch-deutschen Schulsystem zum Trotz.
„Es ist an der Zeit, dass Einwandererkinder nicht mehr als solche angesehen werden. Denn Kinder der dritten Generation sind keine ‚Einwanderer‘ mehr.“

„Wichtiger als die häusliche Sprachförderung sind Konzepte zur Sprachentwicklung in den Kindereinrichtungen.“

„So wird allseits gerne darüber geredet, dass wir Muslime lieber unter uns sind; allerdings scheint den meisten zu entgehen, das gerade zahlreiche Deutsche viel lieber unter sich bleiben – …“

„Wenn sich heute deutsche Hochschulen darüber mokieren, dass eine ganze Generation von Einwandererkindern nicht zu ihnen gefunden hat, dann ist das relativ verlogen und mehr als scheinheilig: Denn ein Schulsystem, das Einwandererkinder systematisch ausgrenzt, verhindert eben jede akademische Bildung dieser Kinder.“

„Haben wir nur unsere Schönheit im Kopf? Nein, wir lieben auch Schönes am Kopf! Kaum eine lässt es sich nehmen, wenn sie an einem Elektrogeschäft vorbeikommt, nach dem neuesten Handy- und MP3-Modellen Ausschau zu halten.“

Persönliche Bewertung

Ein erfrischendes Buch, unterhaltend wie eine gute Soap, fegt es einen Riesenberg Vorurteile hinweg, prangert an und lockt häufig ein Schmunzeln aufs Gesicht.

5 von 5

Ein mutiges Buch! Ein erfrischendes Buch! Mit einer großen Prise Humor, großer Gelassenheit und frischem Selbstbewusstsein stellt Sineb El Masrar das – glaubt man der Zeitung mit den vier großen Buchstaben (und auch vielen Buchtiteln) – allseits geschundene Wesen, die Muslima vor. Und fegt sogleich mit wenigen Buchstaben einen riesigen Berg an Vorurteilen hinweg. Übrig bleibt der Blick auf eine Welt, die sich von der der Deutsch-Deutschen nur in Details unterscheidet – aber alle Menschen sind eben verschieden. Ganz klar angesprochen, nahezu angeprangert wird jedoch die Benachteiligung der Nicht-Deutsch-Deutschen durch das Schulsystem. Was ja eigentlich keine neue Erkenntnis ist. Der Autorin gelingt es, ein von amüsanten Anekdoten gewürztes, scharfes Bild ihrer Welt zu zeigen, in dem sich sicher viele Frauen wiederfinden werden. „Muslim Girls“ gibt Frauen ein Sprachrohr, von denen ansonsten medial wenig wahrzunehmen ist. Ein Sprachrohr, das nicht mit Verbitterung agiert, sondern versucht, ein Stück der Leichtigkeit einer Nicht-Deutsch-Deutschen-Normalität einzufangen. Und dafür einen angenehm unterhaltenden Sprachstil gefunden hat. Da passt es, dass Sineb El Masrar gleichzeitig die Herausgeberin des einzigen multikulturellen Frauenmagazins Deutschlands, der Zeitschrift Gazelle ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Autorin noch vieles zu berichten hat, denn egal wie man auch zu ihren Ansichten stehen mag, auf jeden Fall werden sie stilsicher (und amüsant) vorgetragen.

Fazit: Ein erfrischendes Buch, unterhaltend wie eine gute Soap, fegt es einen Riesenberg Vorurteile hinweg, prangert an und lässt schmunzeln – beispielsweise darüber, wie die berufstätige Muslima 2.0 sich zwischen Eltern- und Kinderversorgung einer kalifornischen Warmwachshaarentwerfung unterzieht.

ISBN10
3821865334
ISBN13
9783821865331
Dt. Erstveröffentlichung
2010
Taschenbuchausgabe
206 Seiten

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