Liebe macht anders

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Kosmos Verlag

Zusammenfassung zu “Liebe macht anders”

Sanne ist 15 und geht zur Schule. Als ein neuer Schüler in ihrer Klasse anfängt, fühlt sich Sanne sofort zu ihm hingezogen. Unter den anderen Schülern und Schülerinnen polarisiert er stark: Während die Mädchen von ihm fasziniert sind, fühlen sich die Jungen von ihm provoziert. Anders und Sanne kommen sich schnell näher, doch Anders scheint ein Geheimnis zu umgeben. Am Sport nimmt er nicht teil, wegen einer Herzerkrankung, zum Schwimmen geht er nicht mit, auch in seiner Familie gibt es Ungereimtheiten. Seltsam auch, dass Anders im Internet nicht zu finden ist, nicht einmal bei Facebook scheint er angemeldet zu sein. Robert, Klassensprecher und Exfreund von Sanne, fühlt sich besonders durch den „Neuen“ gestört, und er lässt nicht locker, Anders‘ Vergangenheit nachzuforschen. Zum Glück gibt es noch Pascal, Sitznachbar von Anders und Außenseiter wegen seines schlaksigen Körpers und seiner unreinen Haut. Anders und Pascal freunden sich an und stehen sich bei, doch gegen die Übermacht der Klassengemeinschaft haben sie kaum eine Chance. Und als Robert und seine Freunde entschlossen sind, herauszufinden, was und wer Anders eigentlich ist, und ihm einen Denkzettel zu verpassen, wird die Situation gefährlich…

Wichtige Charaktere

  • Anders Jaspersen
  • Sanne
  • Anders‘ Schwester Signe
  • Anders‘ Eltern
  • Sannes Schwester Nina
  • Sannes Eltern
  • Pascal
  • Tuana
  • Robert, Azad, Justin und Niklas

Zitate

„Signe
Ich hab es eigentlich ziemlich schnell geahnt, ohne dass ich es richtig benennen konnte. Aber als ich ihn da so sitzen sah, an diese Samstag, im Wohnzimmer, mit seinem Handy in der Hand und diesem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht, da wusste ich einfach Bescheid. Andere Leute würden sich freuen für ihre Geschwister, aber ich … Ich muss sagen, ich bekam irgendwie Angst.

„‚Ich bin ein Junge, rein vom Gefühl her. Aber ich weiß eben auch, wie man sich als Mädchen fühlt. Vielleicht fühl ich mich manchmal sogar ein bißchen so! Nur geht das nicht. Also, für die Leute geht das nicht, für die darf man nicht beides sein.'“

Persönliche Bewertung

Authentischer Jugendroman über ein oft vernachlässigtes Thema

5 von 5

Schon beim Blick in Spielzeugkataloge, in Kinderbekleidungsabteilungen, in die Medien wird klar: Es gibt Jungen und es gibt Mädchen! Und die sind grundlegend verschieden. So einfach ist das, so muss das sein, des Menschen Neigung zu kategorisieren, muss erfüllt sein. Doch ist es wirklich so schwarz-weiß? Karen-Susan Fessel zeigt mit diesem Buch auf sehr überzeugende Weise, was passiert, wenn jemand nicht in die Schemata in den Köpfen passt.

Transsexualität ist dank prominenter Beispiele in den Medien, das Thema Intersexualität wird dagegen eher vernachlässigt. Und das ist kein Wunder: Während die Transsexualität im Allgemeinen nicht grundlegend von der Zweigeschlechtlichkeit abweicht (das biologische Geschlecht weicht hier nur vom sozialen ab), stellen Intersexualle ein Dilemma dar, denn sie fügen sich nicht in die liebgewonnene Ordnung ein. Anders ist ein Beispiel für ein Kind, das uneindeutig zur Welt kommt, dessen Eltern sich aber in den Zwang der Zweigeschlechtlichkeit fügen und ihn als ein eindeutiges Geschlecht aufziehen müssen. Als sich sein Körper entsprechend entwickelt und er mit der ihm auferlegten Geschlechterrolle nicht zurecht kommt, bleibt nur eine Lösung: Er muss seinen Namen entsprechend ändern und als das andere Geschlecht leben, denn ein „Dazwischen“ darf es nicht geben.

Wirklich verlässliche Quellen sucht man vergebens (es ist zum Beispiel von einem intersexuellen Menschen pro 500 Geburten zu lesen), doch es ist sicher: Das Tabuthema „Intersexualität“ tritt häufiger auf als man glaubt. Vor diesem Hintergrund sollte es ein Skandal sein, dass die Gesellschaft auch 2013 noch an der strikten Zweigeschlechtlichkeit, an engstirnigen Erwartungen an Kleidung, Verhalten und Interessen entsprechend dem zugeordneten Geschlecht festhält. Dieses Buch kann hoffentlich einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich Jugendliche mit dem Thema auseinandersetzen und lernen, dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist und dass Menschen unabhängig von ihren Geschlechtsmerkmalen beurteilt und in ihrer Individualität akzeptiert werden sollten.

Doch „Liebe macht anders“ ist nicht nur ein Buch über Intersexualität, es ist auch eine Sozialstudie über Mobbing und Freundschaft und ein Thriller, in dessen Verlauf die Frage geklärt wird: Warum fiel Anders von der Brücke? Wurde er gestoßen, ist er gefallen und was spielte sich vorher ab? Die Geschichte ist geschickt aus verschiedenen Perspektiven erzählt, teilweise durch einen auktorialen Erzähler, teilweise als wörtlicher Rückblick der verschiedenen Charaktere. So ermöglicht die Autorin es ihren Lesern, die Beweggründe der verschiedenen Charaktere zu verstehen, schließlich haben auch die Mobber Gründe für ihr Verhalten. Karen-Susan Fessel zeigt mit diesem Buch überzeugend, wie gut sie die unterschiedlichen Sprachen junger Menschen wiedergeben kann. Die Absätze in wörtlicher Rede könnten einer realen Interview-Transkription entstammen, und auch der auktoriale Erzähler passt seinen Stil dem Charakter an, auf den er jeweils fokussiert. So bleibt die Geschichte bis zur letzten Seite abwechslungsreich und fesselnd.

Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann höchstens die Gestaltung des Covers, die vermutlich viele männliche Leser davon abhalten wird, das Buch zur Hand zu nehmen. Sollte doch ein solch wichtigees Thema Jugendlichen aller Geschlechter nahegebracht werden, um Vorurteile abzubauen und Toleranz und Verständnis zu wecken.

Fazit

Karen-Susan Fessel hat mit „Liebe macht anders“ ein fesselndes und tiefgründiges Buch zum Thema Intersexualität geschrieben. Authentische Jugendsprache und eine Einbettung in einen überzeugenden jugendlichen Alltag sorgen für eine Geschichte, die so echt wirkt, als gäbe es die Charaktere wirklich. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch seinen Beitrag leisten kann, mit veralteten Denkschemata aufzuräumen und Toleranz zu wecken für alle biologischen und sozialen Geschlechter.

ISBN10
344013346X
ISBN13
9783440133460
Dt. Erstveröffentlichung
2013
Taschenbuchausgabe
170 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 14 Jahren

Eine Antwort zu
Liebe macht anders

  1. Iris

    Was für eine tol­le, reflek­tier­te und gut infor­mier­te Rezen­si­on! Vie­len Dank!

  2. Hanna

    5 von 5

    Muss­te ich nicht sel­ber so viel für mei­ne Buch­vor­stel­lung machen… dan­ke xD