Der Krieg und das Mädchen

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Zusammenfassung zu “Der Krieg und das Mädchen”

Es ist Juni und die Unterprima eines Berliner Gymnasiums bricht für eine mehrtägige Sommerfrische zum Müggelsee auf. Auch Mila Pigeon reist in diese Idylle, um ihren Freund Fitz Wanlo zu sehen. Gemeinsam mit Rasmus Bloemacher und Wieland Hassel haben die vier Jugendlichen die Künstlergruppe „Somnambulen“ gegründet, deren oberstes Ideal die Freiheit ist. Während Mila vom Medizinstudium träumt, arbeitet Fritz an seinem ersten Roman. Doch die Ruhe ist trügerisch. Es ist das Jahr 1914 und überall ist vom nahenden Krieg die Rede. Als in Sarajevo ein Attentat auf den österreichischen Thronfolger verübt wird, zweifelt niemand mehr an dessen Ausbruch. Auch am Müggelsee gibt es einen Todesfall: Der herrische Oberlehrer Janota stirbt überraschend an einem Herzinfarkt.

Ein tragisches Unglück, wäre nicht Mila zu diesem Zeitpunkt mit ihm alleine gewesen und hätte Mila nicht den französischen Nachnamen ihres verstorbenen Vaters, an den sie kaum Erinnerung hat. Frankreich gilt als „Erbfeind“ und die Ausländerfeindlichkeit erreicht kurz vor Kriegsausbruch einen Höhepunkt. Schnell sind die 16-Jährige und ihre Mutter mit Anfeindungen von Seiten der Polizei und Frau Janota konfrontiert.’Auch die Beziehung zwischen Fritz und Mila gerät in eine Krise. Denn Fritz fühlt sich immer mehr zu Rasmus Bloemacher hingezogen, in einer Art, die er nicht versteht und die ihn verzweifeln lässt. Er hofft, von dieser ‚Krankheit‘, wie er sie nennt, durch den Einsatz an der Front geheilt zu werden. Gleichzeitig entdeckt Mila Gefühle für Wieland Hassel. Mila, Fritz und ihre Freunde geraten immer mehr in den Sog des Krieges, den sie nicht aufhalten können…

Wichtige Charaktere

  • Mila Pigeon
  • Madame Pigeon, Milas Mutter
  • Fritz Wanlo
  • Rasmus Bloemacher
  • Wieland Hassel
  • Lothar Hassel
  • Titus Engel
  • Emil Goes („Hottentott“)
  • Sheena Gilges
  • Ottokar Zopp
  • Polizeileutnant Hörn
  • Das Ehepaar Janota

Zitate

„Der Zug bremste. Sheena blickte aus dem Fenster und flüsterte, unverständlich. Man konnte glauben, draußen flöge ein Gespenst mit. Mila machte eine verwunderte Miene. Die Ältere bemerkte es und fragte: ‚Sehen Sie es auch, Mila? Welche Färbung der Himmel jetzt annimmt? Ich mache mir wirklich Sorgen wegen des Kriegs, von dem alle Welt spricht. Darf ich Ihnen ein kleines Gedicht aufsagen, das ich neulich gelesen habe?‘
Mila war sehr einverstanden.
‚Noch schläft der Krieg und träumt von tausendfacher Not. Doch nur die Zeit, bis er sich aus blut’gen Federn wälzt. Schon morgen wetzt er wieder seine Klingen und erntet Sieg um Sieg, die aber keines Menschen Freude wecken. Denn siegen wird auch diesmal nur der tausendfache Tod.‘
Der Herr mit der Zeitung und der Kondukteur wechselten Blicke. Der Schaffner sagte: ‚Ja, meine Dame, die Feinde des Reichs werden eine grausame Lektion lernen. Man will uns in die Knie zwingen, aber wir werden uns zu wehren wissen.‘ Er sah den Herrn mit den goldenen Zähnen triumphierend an. ,Es mögen so viele Feinde sein, wie es wollen. Wir werden sie vernichten.‘ Damit grüßte er halb militärisch und verschwand im Gang.“

„‚[…] Ich muss in den Krieg. Es gibt nur diesen Weg, es zu kurieren und mich zu reinigen. Bloemacher hat mich fortgestoßen wie du. Ich möchte mich selbst wegstoßen und verabscheue mich, das musst du mir glauben. Ihr habt ja recht!‘
Mila spürte seine Verzweiflung. Dass er sich in den Krieg wünschte, entsetzte sie. Und was eigentlich meinte er mit ‚kurieren‘?
‚Ich weiß, dass ich eine Entscheidung treffen muss‘, sagt er. ‚Du hast ein Recht darauf. Ich fühle mich, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. Alle sind mir plötzlich fremd, und so wird es bleiben, bis die Krankheit ausgemerzt ist… oder…‘
‚Oder was?‘, fragte sie ängstlich.
‚Wenn es mir nicht gelingt… Da sieht du, wie gut es ist, wenn schnell Krieg ist und die Schützengräben die Dinge auf ihre Weise reinigen.‘
‚Fritz, der Krieg reinigt nichts, er bringt nur Tod und Not. Ich kenne dich nicht wieder, was ist bloß mit dir passiert?‘
‚Ich kenne mich selbst nicht mehr.'“

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Persönliche Bewertung

Bedrückende Beschreibung über die Wirkung des Kriegsausbruch 1914 auf das Leben einer jugendlichen Freundesgruppe

3 von 5

„Der Krieg und das Mädchen“ ist kein einfaches Buch. Besonders für die jugendliche Zielgruppe könnte es schwierig sein, Zugang zu der Geschichte zu finden. Das liegt zum Einen daran, dass die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nicht besonders häufig Gegenstand von Jugendliteratur ist und die politischen und gesellschaftlichen Umstände den Lesern zunächst fremd sein könnten. Zum Zweiten taucht Jürgen Seidel nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich sehr in diese Zeit ein. Er nutzt Begriffe wie „Sommerfrische“ und „Pedell“ und lässt die jugendlichen Protagonisten Konversationen führen, deren Verlauf und Ton sich deutlich von Gesprächen unterscheiden, die man heute gewöhnt ist. So kann es sein, dass es einige Zeit dauert, bis man die Handlungen und Gedanken der Figuren nachvollziehen kann. Hat man sich allerdings an den Stil des Romans gewöhnt, kann man nach und nach immer mehr in die Geschichte eintauchen.

Die Handlung zieht sich besonders bis zur Mitte des Buches ein wenig, doch auch danach kommt wenig Spannung auf. „Der Krieg und das Mädchen“ erzählt ruhig und leise, mit Liebe zum Detail und einem Schwerpunkt auf dem Innenleben von Mila und Fritz. Die Auflösung der Verstrickungen kommt ohne großen Knall und löst kein Aha-Erlebnis aus. Stattdessen wird dem Leser immer mehr klar, was die Atmosphäre des beginnenden Krieges mit den Menschen macht. Der Krieg bestimmt die Lebensplanung der Jugendlichen, ist allgegenwärtiges Thema, formt ihre Einstellungen und verändert ihre Charaktere. Sie benutzen Begriffe wie „Vaterlandstreue“ und „Heldentod“ wie selbstverständlich. Wer den Verdacht erregt, Pazifist zu sein, gilt als Hochverräter.

Schon als der Krieg „noch schläft“, durchdringt er den sozialen Umgang innerhalb der Schulklasse. Als Leser bekommt man so den Eindruck, der Krieg habe „im Kleinen“ schon begonnen: im brutalen Verhalten zwischen Schülern und Lehrern, zwischen den Schülern untereinander – und in vielen Köpfen sowieso. In der Darstellung dieser schleichenden, unterschweelligen Umwälzung der Gesellschaft während des Jahres 1914 liegt ein großer Wert des Buches. Jürgen Seidel gelingt es, ein bedrückends Stimmungsbild der Zeit an der Grenze zum Weltkrieg einzufangen und zu vermitteln, wie Jugendliche zu Beginn des 20. Jahrhunderts gedacht haben könnten.

Fazit

Jürgen Seidels Roman „Der Krieg und das Mädchen“ ist keine leichte Bettlektüre. Es braucht Zeit und Anstrengung, sich in die Situation von 1914 und in das Gedankenleben der jugendlichen Protagonisten einzufühlen. Auch an den Sprachstil muss man sich gewöhnen. Dann allerdings gelingt es dem Autor gut, dazustellen, wie sich ein drohender Krieg in den Köpfen festsetzt, die Gesellschaft und die einzelnen Personen verändert.

ISBN10
3570157636
ISBN13
9783570157633
Dt. Erstveröffentlichung
2014
Gebundene Ausgabe
480 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 12 Jahren

Eine Antwort zu
Der Krieg und das Mädchen

  1. Beatrix Petrikowski

    Grund­sätz­lich ist der Schreib­stil mit den alter­tüm­li­chen Begrif­fen ok bei einem Werk, das in einer Zeit vor hun­dert Jah­ren spielt. Aller­dings hät­te der Ver­lag eini­ge Begrif­fe in einer Anmer­kung erklä­ren kön­nen. Ansons­ten ein gelun­ge­ner Roman.