Kleiner Spaziergang

Ein Bilderbuch aus Taiwan

Autoren
Illustrator
Chen Chih-Yuan
Übersetzer
Johannes Fiederling
Verlag
Baobab Books

Zusammenfassung zu “Kleiner Spaziergang”

Da die Mutter von Hsiao-Yü an diesem schönen Tag länger arbeiten muss, beschließt der Vater, sich und seiner Tochter etwas zum Abendessen zu kochen. Dafür fehlen ihm aber noch Eier. So erlaubt er seiner Tochter draußen zu spielen damit sie bei dieser Gelegenheit die fehlende Zutat einkaufen kann. Hsiao-Yü kann es gar nicht erwarten nach unten auf die Straße zu kommen und so steckt sie noch schnell die Geldstücke in die Rocktasche, in der sich kein Loch befindet. Jetzt beginnen auch schon die kleinen, feinen Erlebnisse auf dem Weg zum Einkaufsladen und wieder zurück nach Hause…

Zitate

„Wenn Hsiao-Yü über die herabgefallenen Blätter läuft, macht es ‚tscha, tscha, tscha, tscha‘. Es hört sich an, als ob jemand in einen Keks beißen würde.“

„Unter dem Baum entdeckt sie eine Brille, die gerne aufgesetzt werden möchte.’Damit sehe ich aus wie Mama.'“

„An der Ecke wächst ein hübsches Blümchen. Auf den Blättern glitzern und funkeln Wassertropfen wie kleine Edelsteine.“

Persönliche Bewertung

Ein Buch wie ein guter Spaziergang - niemals langweilig!

5 von 5

Das Bilderbuch von Chen Chih-Yuan überzeugt gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen der Inhalt: Es ist keine große Geschichte, nur ein Spaziergang eines kleinen Mädchens auf dem Weg zum Einkaufsladen. Und doch erlebt Hsiao-Yü so viel Wunderbares, dass einem spätestens jetzt klar wird: In den kleinen Dingen des Alltäglichen liegt genug Magie verborgen, man muss sie nur wahrnehmen und neugierig bleiben. Und genau das tut dieses kleine Mädchen. Obwohl sie eigentlich nach draußen zum Spielen wollte – ihr Vater ihr zwar die Erlaubnis dafür gibt, ihr aber eben auch die Aufgabe des Einkaufs erteilt, spielt Hsiao-Yü eben auf ihre eigene Art. Ob sie dem Schatten einer Katze auf dem Schatten des Hausdachs hinterhereilt, durch eine blaue Murmel, die sie findet, die Welt auf einmal blau wird, oder durch eine gefundene Brille plötzlich alles verschwommen aussieht. Diesem Kind wird so schnell nicht langweilig! Und humorvoll ist die Art und Weise des Mädchens zudem auch noch. Zu komisch, wie sie im Laden keine normalen Eier, sondern spezielle für gebratenen Reis verlangt und wie sie, die eine Hand in die Hüfte gestemmt, die andere auf dem Tresen liegend, mit der gefundenen Brille auf der Nase, versucht, wie eine Erwachsene zu bestellen!

Neben der Idee der Geschichte und dem Humor kommen noch weitere Aspekte hinzu, die dieses Bilderbuch rundum gelungen wirken lassen. Zum einen die Bilder selber: Die im aufwändigen Collagenstil gestalteten Illustrationen haben das Spiel von Licht und Schatten zum Thema und Chen Chih-Yuan gelingt es wirklich fabelhaft, dieses Spiel darzustellen. Der Betrachter erinnert sich sofort an das grelle Sonnenlicht im Sommer, wenn er die Bilder anschaut und kann förmlich die warme Atmosphäre dieses Sommernachmittags in der Stadt spüren. Das ganze Buch ist überwiegend in Weiß-, Grau- und Brauntönen gehalten und sticht damit aus den meist bunt gehaltenen Bilderbüchern heraus. Es werden aber auch einzelne Farbaspekte geschickt mit dem Grundthema kontrastiert: Eine blaue Stadt durch eine blaue Murmel betrachtet, die bunten Schraubdeckel der Süßigkeitengläser oder eine Blume mit rötlichen Blättern. Der Autor streut sogar noch philosophische Betrachtungen von Dingen in sein Werk ein: Da der Name des Mädchens übersetzt „Kleiner Fisch“ bedeutet, gelingt ein wunderbares Wortspiel im Zusammenhang mit dem blauen Ozean, zu dem die Welt durch die Murmel geworden ist. Auch die Frage nach dem Kausalzusammenhang von Huhn und Ei kommt der Protagonistin beiläufig auf ihrem Rückweg in den Sinn.

Zu guter letzt muss noch erwähnt werden, dass dieses Bilderbuch zweisprachig ist. Neben den deutschen Übersetzungen befinden sich die chinesischen Schriftzeichen des Originals auf jeder Seite. In einem Nachwort des Autors erfährt man nicht nur die Schwierigkeit des Erlernens der chinesischen Schrift, die aus mehr als 5000 Schriftzeichen besteht (weshalb Hsiao-Yü nach dem ganzen Üben vieleicht einen besonders starken Drang nach Erholung hatte, so Chen Chih-Yuan)! Sondern außerdem, dass die Kulisse der Geschichte im Buch nicht etwa ausgedacht ist, sondern eine fremde Stadt mit bestimmten kulturellen Eigenarten widerspiegelt, die zum einen Neugier für eine andere Kultur weckt und zum anderen durch ihre reale Existenz die Lesenden des Buchs schon jetzt auf die Straßen Pingdongs mitnimmt.

Fazit

Dieses Buch ist vieles: Liebevoll, humorvoll, poetisch und philosophisch – aber keinesfalls langweilig!

Originaltitel
Hsiao-Yü San Bu
ISBN10
331401757X
ISBN13
978-3314017575
Dt. Erstveröffentlichung
2011
Gebundene Ausgabe
32 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 4 Jahren