In der Stille der Nacht

Autoren
Übersetzer
Conny Lösch
Verlag
Heyne Verlag

Zusammenfassung zu “In der Stille der Nacht”

In einem Vorort von Glasgow klingeln zwei vermummte Männer namens Pat und Eddy an der Haustür von Familie Anwar. Die beiden Täter sind bewaffnet, verlangen zwei Millionen Pfund und fragen nach einem Bob, doch es bekennt sich niemand zu dem Namen, sodass sie stattdessen Aamir, den Familienvater, als Geisel mitnehmen. Vorher jedoch schießt Pat in einer Kurzschlussreaktion der Tochter Aleesha die Hand kaputt. Mit einem Kissenbezug über dem Kopf wird schließlich Aamir in das völlig verwahrloste Haus eines Alkoholikers gebracht, wo er in einem verdreckten Zimmer misshandelt wird und der Dinge harren muss, die da kommen. Pat und Eddy unterdessen müssen ihrem Auftraggeber erklären, dass sie den falschen Mann haben, aber dennoch das verlangte Geld beschaffen werden. Doch wer ist Bob, haben sie das falsche Haus überfallen?

Der Fall um die Entführung von Aamir Anwar wird zu ihrem Verdruss nicht DS Alex Morrow sondern ihrem Kollegen und Rivalen DS Bannerman zugeteilt, den sie bei den Ermittlungen unterstützen soll. Dass für Schlaf keine Zeit mehr ist und sie über zwei Tage nicht nach Hause kommt, stört Morrow dagegen wenig, denn so kann sie ihrem Mann und ihren privaten Problemen aus dem Weg gehen. Doch auch der Fall entwickelt sich wenig erfreulich: Dank ihrer Beziehungen zu ihrem kriminellen Bruder stellt Morrow fest, dass tatsächlich jemand aus der Anwar-Familie „Bob“ genannt wird und dass innerhalb der Familie einige dunkle Geheimnisse verschwiegen werden. Als sich außerdem herausstellt, dass Omar, einer von Aamirs Söhnen, einen Import/Export-Handel besitzt, befürchten Morrow und Bannerman Steuerhinterziehung und einen sehr problematischen Fall…

Wichtige Charaktere

  • DS Alex Morrow
  • DS Bannerman
  • Aamir Anwar
  • Alleesha Anwar
  • Omar Anwar
  • Billal Anwar
  • Sadiqa Anwar
  • Pat Tait und Eddy Morrison
  • Malcolm „Malki“ Tait
  • MacKechnie
  • Shugie Wilson

Zitate

„Professionelle Lügner dachten sich vorher bereits Ausreden aus und blieben dabei, aber synthetische Erinnerungen waren schwerfällig. Fragte man diese Menschen nach einer Farbe oder einem Detail, antworteten sie meist viel zu langsam. Geübte Lügner waren gefährlich, entweder weil sie sehr heimtückisch waren oder weil sie andere zu beeinflussen verstanden.
Ihr Talent, Lügen zu entlarven, ließ Morrow die Welt mit Verbitterung betrachten. Das Schlimmste daran war, dass sie dadurch auch nicht mehr in den Luxus kam, sich selbst anlügen zu können. Und im kalten, ungnädigen Tageslicht lebt es sich nicht leicht.“

„Nach außen hin bewahrte Aamir Haltung. Er saß alleine, still, die Hände sorgsam im Schoß gefaltet, ebenso gesittet wie unter den Blicken seiner Kidnapper. Er bewegte sich nicht, weil er sich nicht bewegen konnte, seine Muskeln waren starr, seine Kehle fühlte sich an wie von einem Fausthieb getroffen, als würde ein Schrei seinen Adamsapfel strangulieren. Er wusste nicht, ob er überhaupt in der Lage war, sich ohne entsprechenden Befehl zu bewegen.
(…)
„Er tippte wieder mit dem Finger und sah plötzlich vor sich, wie Aleeshas Hand zertrümmert wurde, ihre Finger gegen die Wand hinter ihr schlugen, die neue Madinah-Uhr, sie und die brutale rote Spur, die sich über Aleeshas Unterarm zog. Und dann sah er sich selbst, wie er sie anflehte, mit dem Kopf wackelte wie ein Clown, gebrochen Englisch sprach, obwohl er es doch fließend beherrschte: Bitte Sir, ich sein guter Junge, lassen mich gehen, lassen mich gehen, britisch Pass, sorry, sorry.“

Alle Bände der Reihe

In der Stille der Nacht
Blinde Wut
Der letzte Wille

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Persönliche Bewertung

Großartig geschriebener Roman in düsterer Atmosphäre, jedoch kein klassischer 'Thriller'

5 von 5

Für die größten Enttäuschungen über dieses Buch ist sicherlich das Cover verantwortlich: Ein „Thriller“, den Karin Slaughter empfiehlt, weckt gewisse Erwartungen in allen, die Slaughters Thriller kennen (und mögen). Tatsächlich fragt man sich im Verlaufe der Geschichte, inwieweit es tatsächlich ein „Thriller“ ist oder etwas anderes, vielleicht eher ein Krimi? Schnell wird klar: Für Freunde schneller Krimis und Thriller mit flotter Handlung, vielen Dialogen und raschen Entwicklungen ist dieses Buch sicher nicht empfehlenswert. Die Geschichte beginnt nicht mit einem Mord sondern mit einer Entführung, die zwar dramatisch, aber wenig blutrünstig und durch den Mangel an Professionalität der kleinkriminellen Täter fast schon komisch beschrieben wird. Ähnlich schreitet die Handlung fort: Es geht nicht um Serienkiller oder die rasante Jagd nach dem Täter, denn die sind seit der ersten Seite bekannt. Der Fokus liegt für den Leser damit nicht auf der Aufklärung der Täter, sondern vielmehr auf der Frage, warum Aamir entführt wurde, wer Bob ist und was die Täter mit ihm zu tun haben bzw. in wessen Auftrag sie handelten.

Denise Mina beschreibt in ihrem Buch viel Elend, sowohl aus dem Leben des Opfers als auch aus der Lebensgeschichte der Täter, aber auch aus der Perspektive der Ermittlerin und ihres Bruders. Hierbei schreckt sie nicht vor abschreckenden und schockierenden Schilderungen des verdreckten Hauses eines alten Alkoholikers oder vor deprimierenden Szenen aus Aamirs Kindheit zurück: Beispielhaft seien hier die Willkür und die Vergewaltigungen, die seine Mutter sich von den schottischen Soldaten wegen ihrer britischen Pässe gefallen lassen musste, erwähnt. Denise Mina geht es jedoch nicht darum, zu schocken, nicht um Sensationslust und dem Kitzel des Elends. Vielmehr stellt sie psychologisch tiefgründig die Reaktionen ihrer Charaktere auf diese zum Teil traumatisierenden Erlebnisse dar: Aamirs Reaktion beispielsweise auf die Vergewaltigungen seiner Mutter: Das Mitleid und den Abscheu des Kindes, die Hilflosigkeit und im Alter die Reue darüber, das geschehen lassen zu haben. Aamir söhnt sich in der beängstigenden Situation während seiner Entführung mit seiner Mutter aus. Er durchlebt alles neu und sieht die Erlebnisse mit erwachsenen Augen, ist jedoch gleichzeitig wieder ein Kind, fühlt das gleiche Entsetzen, das ihn damals prägte. Im Angesicht des Schreckens und möglichen Todes bewertet er verschiedene Erlebnisse seines Lebens neu, findet sich damit ab, gesteht sich seine Verantwortung ein und findet letztendlich eine Art Ruhe, schließt mit den Ereignissen und seinem eigenen Anteil daran ab.

Durch die kapitelweisen Perspektivwechsel zeichnet die Autorin in dieser Geschichte eine kleine Gesellschaftsstudie und ermöglicht ein umfassendes, jedoch erst Stück für Stück enthülltes Bild eines Verbrechens, dessen Ursachen tief in der Geschichte verschiedener Charaktere begründet liegen. Dabei kann man sich kaum davor wehren, sich auch in die Täter hineinzuversetzen und teilweise sogar Mitleid mit ihnen zu haben, obwohl sie gleichzeitig abstoßend sind. Neben Einblicken in die Polizeiarbeit prägt die Hauptfigur, die Ermittlerin Alex Morrow, die Geschichte, beispielsweise wenn sie ihre Schwägerin Crystyl beschreibt: Eine blonde silikonaufgepolsterte Schönheit, oberflächlich, doch abgebrüht genug, um auf Kosten eines Mannes zu leben und dessen verbrecherisch erworbenes Geld auszugeben.

Morrow als Charakter, ihre teilweise herablassende Art und ihr Zynismus dürften nicht den Nerv jedes Lesers treffen. Im Laufe der Geschichte wird jedoch deutlich, warum sie sich so verhält, warum sie vermutlich gar nicht anders kann als die eiskalte unfreundliche Ermittlerin zu mimen. Im Revier muss sie sich als Frau behaupten, sich der Rivalität mit ihrem Kollegen Bannerman stellen und ihre privaten Probleme verdrängen. Seit dem Tod ihres Sohnes ist ihre Beziehung zu ihrem Mann problematisch, da Morrow ihre Trauer nicht verarbeitet und ihrem Zuhause, ihren Erinnerungen und ihrem Mann davonläuft, während er sich betäubt. Ebenso schwierig ist die Beziehung zu ihrem kriminellen Bruder Danny, den sie genauso geheimhalten muss wie ihre eigene Vergangenheit nahe des krimninellen Mileus. Alex Morrow ist nur eines vieler Beispiele für Denise Minas Talent, Kulissen und Charaktere detailliert und lebensecht zu beschreiben. Hierbei bedient sie sich einer anspruchsvollen Sprache, die von Conny Lösch gekonnt ins Deutsche übertragen wurde. Beispielhaft für Minas Schreibstil ist schon der Beginn des Buches, in dem sie großartig den Flug einer Plastiktüte am zukünftigen Schauplatz des Verbrechens beschreibt. Möchte man etwas kritisieren, so könnte man anmerken, dass das Ende der Geschichte etwas seltsam anmutet und die Figur der Aleesha teilweise rätselhaft bleibt. Wenn das Buch darüber hinaus Leser enttäuscht, dürfte dies vor allem eine Geschmacksfrage und ein Fall von falschen Erwartungen sein, der der Autorin nicht anzulasten ist.

Fazit

Denise Minas erster Band um Alex Morrow ist ein Thriller, der sicherlich viele Erwartungen enttäuschen, aber auch viele anspruchsvolle Leser begeistern wird. Statt blutrünstigen Morden und Schockern bietet „In der Stille“ der Nacht psychologisch fundierte Sozialstudien, eingebettet in beklemmende Kulissen und eine intelligente Kriminalgeschichte.

Originaltitel
Still Midnight
ISBN10
3453434900
ISBN13
9783453434905
Dt. Erstveröffentlichung
2010
Taschenbuchausgabe
478 Seiten