Im Land der Stundendiebe

Autoren
Illustrator
Thomas Mendl
Verlag
Oetinger Verlag

Zusammenfassung zu “Im Land der Stundendiebe”

Anna und ihr Zwillingsbruder Ben sollen eine ganze Woche unter der Aufsicht ihrer Tante Mia bleiben, während ihre Eltern verreist sind. Eine verlockende Aussicht, doch dann erscheint Mia nicht. Stattdessen fällt der  Fernseher aus, und auch die Lichter lassen sich nicht mehr einschalten. Auf der Suche nach dem Sicherungskasten im Keller entdeckt Anna einen Schalter, den sie kurzerhand umlegt. Damit setzt sie eine Zeitreise in Gang, die sie in das Jahr 1919 katapultiert. Hier sind sie in ihrem eigenen Haus Fremde, und so schicken sie die  Bewohner ins Waisenhaus. Dort treffen Anna und Ben auf andere Kinder, die ebenfalls auf mysteriöse Weise in diese Zeit gereist sind. Cleo stammt sogar aus der weit entfernten Zukunft. Jedes der Kinder verfügt über bestimmte übersinnliche Eigenschaften. So kann Cleo zum Beispiel durch Wände gehen, nur die Zwillinge kennen ihre besonderen Fähigkeiten nicht.

Auf der Suche nach der Ursache für ihre Reise und nach einem Rückweg in ihre Zeiten treffen die Kinder auf den Wissenschaftler Samuel Tegelmans. Sie erfahren, dass Tegelmans sie mit Hilfe von Spürern in seine Zeit gebracht hat. Seit durch seine Erfindung seine Tochter Armelle spurlos verschwand, sucht der Wissenschaftler nach ihr. Durch eine List schickt er die Kinder in seiner Erfindung in eine Parallelwelt, eine reflektierte Welt ihrer eigenen, in der sie Armelle wiederfinden. Doch damit ist ihre Aufgabe noch lange nicht bewältigt: Sie stellen fest, dass die Tage der Reflectierten gezählt sind. Um ihre Welt vor dem Untergang zu bewahren, ist den Reflectierten unter ihrem Fürsten Ohhh jedes Mittel recht. So erhoffen sie sich mit Hilfe der Kinder, die Zeit dehnen zu können. Als dies nicht gelingt, entführen sie Annas Bruder und ihre Freunde, um sie zu erpressen und dazu zu zwingen, Zeit für die Reflectierten zu beschaffen. Als Anna in ihre Welt und ihre Zeit zurückkehrt, scheinen ihre Erlebnisse wie ein böser Traum: Ein Brand zerstörte das Haus ihrer Familie und ihr Bruder soll in den Flammen umgekommen sein. Anna beginnt selbst daran zu zweifeln, ob sie sich ihre Abenteuer nicht doch nur ausgedacht hat oder ob sie ihren Bruder und die Freunde tatsächlich retten kann…

Wichtige Charaktere

  • Anna van Helt
  • ihr Zwillingsbruder Ben
  • Tim, Cleo und Tango
  • Armelle
  • Samuel und Charlotte Tegelmans
  • der Insectulus

Zitate

„‚Zeit‘, begann er schließlich, ‚alles hängt zusammen mit der Zeit. Jeder von uns kennt sie, jedoch keiner vermag sie zu beschreiben. Was für den einen nur von kurzer Dauer, erscheint dem anderen wie eine Unendlichkeit. Wir wollen die Zeit festhalten, mit neumodischen Methoden wie der Fotografie. Wir wollen sie beherrschen, mit Chronometern. Das sind Uhren‘, fügte er etwas leiser hinzu, wobei er die Kinder ansah. ‚Und wir wollen sie überwinden, wollen ewig leben! Aber die Zeit ist sehr mächtig, und man sollte ihr mit dem nötigen Respekt begegnen.'“

„‚Wieso ich?‘, fragte Anna. ‚Was macht mich so besonders, dass ausgerechnet ich auserwählt wurde?‘
‚Nun‘, sagte der Fürst, ‚Sie verfügen über ein unwahrscheinlich hohes Maß an Phantasie. Ich spreche nicht von Vorstellungskraft, von lustigen Ideen oder Einfällen. Nein, ich spreche von mächtiger Phantasie! Von einer Kraft, die so schöpferisch ist, dass sie die unüberwindlichen Grenzen zwischen den Welten zu durchbrechen vermag und die dadurch, wie in Ihrem Fall, das Leben selbst schafft.'“

Persönliche Bewertung

Fantasievoller, aber mitunter verwirrender und sprachlich nicht immer stimmiger Debütroman

3 von 5

Einen Mangel an Ideen kann man dem Autor Thomas Mendl wirklich nicht nachsagen. Viele Aspekte des Grundgerüstes seiner Geschichte sind jedoch wenig innovativ: Zeitreisen, Reisen in Parallelwelten und in andere Zeiten, die Bedeutung der Fantasie und der Zeit an sich. Daneben präsentiert Mendl ein ganzes Feuerwerk an verrückten Szenarien und Charakteren, die unterhalten und an eine skurrile Welt à la Alice im Wunderland denken lassen. Für den Lesespaß sorgen verschiedene herrliche Ideen (zum Beispiel der Insectulus oder die Fortbewegung mit Hilfe des Wumm-Weg) sowie die wunderschönen Vignetten des Autors und das stimmungsvolle Titelbild von Verena Körting, mit denen jedes Kapitel beginnt.

Insgesamt hätte man sich jedoch gewünscht, die vielen schillernden Fäden wären zu einem harmonischeren Gesamtbild verwoben worden. Vielleicht hätte der Autor die vielen Ideen auch aufteilen sollen, denn aus seiner schier unerschöpflichen Phantasie hätten durchaus eine Trilogie oder drei unabhängige Bücher werden können. In einem einzelnen Band wirkt die Komposition aus den vielen tollen Einfällen leider oft etwas unrund und unausgegoren. Sie lässt ihre Leser an vielen Stellen verwirrt zurück, einige Handlungsstränge werden überstürzt aufgelöst oder nicht zum Ende gebracht. Ebenso unbefriedigend ist das etwas abrupt erscheinende Ende.

Der Fokus der Geschichte liegt vor allem auf Anna, andere Charaktere bleiben zum Teil im Vergleich recht blass. Manchmal ist weniger mehr: Die vielen Charaktere und Szenen zeugen zwar vom Einfallsreichtum des Autors, erfüllen jedoch teilweise keinen Zweck und verwirren die Leser eher, beispielsweise die blauen Ratten. Andere Charaktere erscheinen widersprüchlich, nicht konsequent charakterisiert: Die Reflectierten und ihr Herrscher wirken mal sehr bösartig und gewissenlos, andererseits jedoch menschlich und verständnisvoll.

Sprachlich sind einige wirklich gelungene Beschreibungen und Formulierungen zu finden. Insgesamt wirkt es jedoch auch hier nicht immer stimmig, wie Handlungen und Ereignisse beschrieben werden. Man hat das Gefühl, der Autor würde nicht immer so ganz die passenden Begriffe verwenden.

Eine sporadische Hintergründigkeit kann der Geschichte nicht abgesprochen werden angesichts der Anspielungen auf Zeitverschwendung und Langeweile, darauf, dass wenige die Zeit zu schätzen und zu nutzen wissen. „Im Land der Stundendiebe“ ist jedoch kein anspruchsvolles Buch, liest sich leicht verständlich und stellt seine Leser nur durch seine verwirrende Handlung vor Herausforderungen.

Fazit

Mendls Buch hinterlässt ein diffuses Gefühl: einerseits Staunen und Begeisterung angesichts so viel Einfallsreichtum, andererseits eine gewisse Unzufriedenheit, ähnlich dem Gefühl, ein fertiges Puzzle ist nicht ganz stimmig, da die Teile eher mit Gewalt zusammengefügt wurden, als dass sie wirklich passen würden. Es bleibt zu hoffen, dass wachsende Erfahrung als Autor Thomas Mendl zu mehr Sicherheit verhelfen, denn an Phantasie kann er es durchaus mit vielen renommierten Autoren aus dem Kinder- und Jugendbuchbereich aufnehmen.

ISBN10
3789142948
ISBN13
9783789142949
Dt. Erstveröffentlichung
2012
Gebundene Ausgabe
413 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 10 Jahren

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