Die große Wildnis (1)

Autoren
Übersetzer
Petra Koob-Pawis
Verlag
cbj Verlag
Anspruch
5 von 5
Humor
4 von 5
Lesespaß
5 von 5
Schreibstil
4 von 5
Spannung
5 von 5

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Zusammenfassung zu “Die große Wildnis (1)”

Seit der „Roten Pest“ gibt es keine Tiere mehr, die Menschen leben in abgeschotteten Städten und ernähren sich von „Formula“, einem künstlichen Nährstoff in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Der 12-jährige Kester lebt seit Jahren in einer Erziehungsanstalt für Problemkinder und -jugendliche. Sein Problem: Mit dem Tod seiner Mutter hörte er auf zu sprechen. Alle Versuche der Doktoren, ihn zum Sprechen zu bringen, scheiterten bislang, die anderen Kinder und Jugendliche im „Mentorium“ machen sich über ihn lustig, seine einzigen Freunde sind die Kakerlaken und Motten, denen er gelegentlich begegnet, denn das „Ungeziefer“ ist immun gegen die Krankheit, die alle anderen Tiere dahinraffte.

Als Kester eines Tages Besuch von einer Gruppe von Tauben bekommt und meint, eine Kakerlake sprechen zu hören, die er regelmäßig mit Formular füttert, zweifelt er an seinem Verstand. Doch es ist wahr, angeführt von einer Kakerlake, die Kester „General“ nennt, flüchtet er aus dem Mentorium, denn die Tiere bitten ihn um Hilfe. Zwar kann Kester nicht mehr mit Menschen sprechen, doch mit den Tieren kommuniziert er problemlos gedanklich. Während der nervenaufreibenden Flucht erfährt Kester zwar nicht, wohin ihn die Tauben bringen, doch die Hauptsache ist: Fort aus der Anstalt, nicht mehr eingesperrt sein, die Welt außen sehen und hoffentlich endlich wieder zu seinem Vater zurückkehren! Auf dem Flug passieren sie trostlose Landschaften und Siedlungen, bis sie schließlich in einem Wald landen und Kester auf die verbleibenden Tiere trifft: das letzte Wild. Ihr Anführer, ein Hirsch, erwartet von Kester, eine Lösung gegen das „Beerenauge“, die Rote Pest, zu finden. Kester setzt alle Hoffnungen in seinen Vater, einen talentierten Wissenschaftler, der schon vor Jahren zu dem Thema forschte. Und so machen sich der Hirsch, der „General“ und die Tauben auf den Weg in Richtung Zivilisation…

Wichtige Charaktere

  • Kester Jaynes
  • Polly
  • der Hirsch, die „Große Wildnis“
  • der „General“
  • Kleiner Wolf
  • Weiße Taube und andere Tauben
  • die Katze Sidney
  • die Zwergmaus
  • Kesters Vater
  • Captain Skuldiss
  • Doktor Fredericks

Zitate

„Die Ritsch-ratsch-Geräusche kommen von irgendwelchen Dingern, die ich nicht sehen kann, Dingern, die auf das Bett und über mein Bein krabbeln. Der Fußboden wimmelt nur so von ihnen, sie kriechen über mich hinweg, über meinen Bauch, meine Beine, über meine Arme, den Hals hinauf. Eine Armee harter Füßchen marschiert unaufhaltsam wie kleine Roboter über meine Brust. Kleine, zitternde Kieferwerkzeuge kauen die Luft nur Millimeter über meiner Haut.
Kakerlaken.
Scharen von Kakerlaken.
Einer von ihnen krabbelt zielstrebig die Bettdecke hinauf bis zu meinem Hals, seine fedrigen Fühler streifen meine Lippen.
*Bist du bereit?*, fragt eine Stimme. Eine tiefe Stimme.“

„Alle sieben Wölfe heften sich an unsere Fersen, ihr Heulen ist weithin zu hören. Kaum habe ich mich wieder gefangen, galoppiert der Hirsch auch schon auf und davon. Mit großen Sprüngen setzt er durch den Wald, bei jedem Schritt werde ich in die Luft geschleudert, um dann wieder hart auf seinem Rücken zu landen. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn das ausladende Geweih die Bäume streift, während wir uns den Weg durchs Dickicht bahnen. Er läuft mal in engen Kurven, mal in weiten Bögen und scheint dabei einem unsichtbaren Weg zu folgen, die Nase immer dicht über dem Boden – aber ich sehe nur Farn, rieche nur Furcht.
*Bravo!*. brüllt der General, als wir nur knapp einem umgestürzten Baumstamm ausweichen, der uns zu Fall gebracht hätte. *Die Jagd ist eröffnet! Vorwärts, marsch!*““

Trailer zum Buch

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Persönliche Bewertung

Bedrückende Dystopie, die unterhält, mahnt und nachdenklich macht

5 von 5

Das Cover, die schöne Gestaltung (Silhouetten und Vignetten im Inneren) und der Klappentext dieses Buches sind irreführend, doch das darf der Geschichte nicht zur Last gelegt werden. „Die große Wildnis“ ist kein „Heile-Welt-Buch“, kein Buch zum Wohlfühlen, nicht einmal ein angenehmes magisches Fantasybuch. Stattdessen erzählt Piers Torday eine dystopische Abenteuergeschichte vor einer sehr düsteren Kulisse. Diese beklemmende Welt macht das Buch für sensible 10-jährige ungeeignet. Andererseits ist die recht einfache, aber nicht banale Sprache auf die Zielgruppe ausgelegt, sodass eine Altersempfehlung schwerfällt.

„Die große Wildnis“ ist eine Mahnung an die Leser, den eigenen Umgang mit der Natur, mit den Pflanzen und Tieren zu hinterfragen. Hierbei werden Tiere als Gesamtheit jedoch eher als Lebensmittel gesehen, weniger als Lebewesen, als Individuen (von den Helden der Geschichte abgesehen) – ihr Sterben ist vor allem deswegen schlecht, weil die Menschen deswegen keine Nahrung mehr haben. Im Kontrast dazu stehen die Helden der Geschichte, mit denen Kester Freundschaft schließt – ein Hirsch, eine Kakerlake, ein Wolfsjunges, eine Maus, eine Katze und die Tauben. Eine Besonderheit (und mit verantwortlich für den Humor der Geschichte) ist der Kakerlaken-„General“ – ein eigentlich „ekliges“ Tier, das man selten als Held sieht (abgesehen von wenigen löblichen Ausnahmen wie Suzanne Collins‘ Gregor-Reihe). Auch der Wolf ist ein außergewöhnlicher Charakter, weckt er doch sonst eher negative Assoziationen. Ebenso erfreulich sind die Tauben, in unserer Gesellschaft oft ebenso als „Schädlinge“ angesehen wie Kakerlaken. Heimlicher Star ist hier die weiße Taube, ebenso ein Außenseiter wie Kester, die alle Botschaften der grauen Tauben verdreht, sodass philosophische Aussprüche entstehen, die etwas völlig anderes bedeuten.

Besonders hervorzuheben in der Geschichte sind die nachdenklichen Ansätze, die Gesellschaftskritik: Kester als Beispiel für alle Außenseiter, die ausgemustert und im Mentorium erzogen werden. Das Monopol der Konzerne, die statt dem Menschenwohl nur ihren Profit im Sinn haben. Die abgeschlachteten Tiere aus Angst vor der Seuche, die sicherlich viele Lesr an BSE, an die Schweinegrippe und andere Seuchen erinnern, an denen der Mensch nicht unschuldig ist, deren Opfer jedoch vor allem die vielen abgeschlachteten Tiere sind. Auch die künstliche Nahrung in Kesters Welt ruft Vergleiche zur realen Welt hervor: Schaut man sich an, was der Durchschnittskonsument sich an Nahrung zuführt, kann Formula auch als Überspitzung der realen Welt voller künstlicher Aromen und Geschmacksverstärker verstanden werden…

Die Geschichte ist weitgehend abgeschlossen, jedoch kündigt das Ende neue Schwierigkeiten an und weist damit auf die Fortsetzung hin, in der es sicherlich vor allem um den weiteren Blick geht, um Kesters Kampf gegen das System, gegen eine traurige verseuchte Welt, die die letzten Lebewesen bekämpft. Interessant ist sicherlich in diesem Zusammenhang, ob die letzten Tiere letztendlich gerettet werden, um den Menschen als Nahrung zu „dienen“, um also letzten Endes ohnehin getötet zu werden…

Fazit

Die bedrückende dystopische Welt von Kester und dem „letzten Wild“ wühlt auf und regt dazu an, unsere Gesellschaft, ihren Umgang mit der Natur und die Macht der Konzerne zu hinterfragen. Nichts für zartbesaitete Leser ab 10, aber empfehlenswert für alle, die abenteuerliche Geschichten mit nachdenklichem Charakter lieben.

Originaltitel
The Last Wild
ISBN10
3570157962
ISBN13
9783570157961
Dt. Erstveröffentlichung
2013
Gebundene Ausgabe
384 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 10 Jahren

Eine Antwort zu
Die große Wildnis (1)

  1. Mareike

    4 von 5

    Ein span­nen­des Buch mit Umwelt­the­ma­tik. Der Anfang zieht sich etwas dahin, aber beim Haus von Pol­ly fing es dann an ein Page­tur­ner zu wer­den und lus­tig ist es trotz der erns­ten The­ma­tik auch wegen dem Gene­ral! Defi­ni­tiv kei­ne hei­le Welt, aber auch nicht zu düs­ter um nicht von Kin­der um die 10 gele­sen zu wer­den. Band 2 erscheint hof­fent­lich bald, denn das Buch endet mit einem klas­si­schen Cliff­han­ger ;)