Das Geheimnis der Jadefigur

Autoren
Übersetzer
Corinna Tramm

Zusammenfassung zu “Das Geheimnis der Jadefigur”

1912, auf einem Ozeandampfer mit Ziel Indochina. Die 15-jährige Nina freundet sich mit ihrer Kabinennachbarin an, der 26-jährigen Miss Melly. Während die junge Lehrerin auf dem Weg zu ihrer ersten Stelle ist, freut sich Nina auf ein Wiedersehen mit ihrem Vater, dem Fotografen Paul, der seine Tochter endlich zu sich holen kann. Doch in Saigon bekommt das junge Mädchen die Nachricht vom Tod ihres Vaters, zusammen mit der Anordnung, zurück zu ihrer Tante zu fahren. Eine Rückkehr kommt für Nina jedoch nicht in Frage und so tauscht sie kurzerhand die Koffer mit der von Bord gegangenen Miss Melly aus, um in ihren Kleidern als volljährige junge Dame durchzugehen.

In Hué angekommen, findet Nina das kleine Haus ihres Vaters, die „Villa Henriette“ auf dem Grundstück der wohlhabenden chinesischen Familie Teng. Außerdem gibt es zwei Bedienstete, den Koch und seine Frau. Deren Tochter Tam geht zur Schule und wird nach anfänglichen Schwierigkeiten Ninas Freundin und Verbündete. Und Freunde kann sie brauchen, denn es scheinen sich auffallend viele Personen für das Erbe ihres Vaters zu interessieren, dabei scheinen sich in der Villa keine Wertgegenstände zu befinden. Eines Nachts überrascht Nina sogar einen Einbrecher in ihrem Haus. Und dann wird sie unerklärlicherweise zu einem Empfang bei der Königin und dem jungen Kaiser eingeladen – eine Falle?

Wichtige Charaktere

  • Antoinette „Nina“ d’Armand
  • Melanie Bell, „Miss Melly“
  • Ninas Vater Paul D’Armand
  • Tam
  • Teng Wenji
  • Königin Phuong und ihr Sohn, der junge Kaiser
  • Professor Morton und seine Frau
  • Tams Eltern Hung und Chinh

Zitate

„Die Straßen von Hué waren einfache Sandwege und schlängelten sich zwischen den Gärten hindurch, in denen hohe Sukkulenten und Bäume im Überfluss wuchsen. Die üblen Gerüche des Hafens waren verschwunden. Hier duftete es nach Blumen, nassem Gras und Holzfeuer. Die meisten Häuser waren sehr niedrig und hinter den Zäunen der Grundstücke kaum zu sehen. Was Nina von ihnen erkennen konnte, waren weiß oder gelb verputzte, von Veranden umgebene Gebäude.
Jetzt tauchte an einer Wegbiegung die Veranda einer Pagode auf. Das Backsteingebäude hatte ein doppeltes, an den Ecken abstehendes Dach. Auf dem First lief ein unendlich langer bunter Drachen aus Keramik entlang. Die rote Treppe war von glänzenden Krügen gesäumt, sie standen auf Füßen, die wie Vogelkrallen aussahen. Das Ganze war von Rauchbändern eingehüllt, die nach Weihrauch dufteten.“

„Tam betrachtete den kleinen Altar in der Ecke des Hofs. Er bestand aus den Grabtafeln der Ahnen und einem Brett, auf dem sich einige als Opfergaben dargebrachte Betelnüsse, eine Vase mit Blütenzweigen und ein Weihrauchstäbchen befanden. Ihr Vater hatte recht: Sie hatte ihn in der letzten Zeit vernachlässigt. Sie hatte nicht zu Buddha beten können, doch sie konnte zu den Ahnen beten.
Sie ging und holte ein Tuch, säuberte das Brett und wischte die Tafeln ab. Dann erneuerte sie die Aprikosenblüten und die Nüsse. Schließlich malte sie die glückbringenden Symbole auf rote Papierbänder, um sie an die Säule zu beiden Seiten des Altars zu hängen. Diese Tätigkeit verscheuchte tatsächlich ihre schlechte Laune. Sie dachte an ihre Großeltern, die als arme Bauern aus den im Norden liegenden Reisfeldern gekommen waren, um in Hué Arbeit zu finden. Und sie dachte an all ihre Vorfahren, deren Seelen in diesem bescheidenen Altar Zuflucht fanden.“

Persönliche Bewertung

Leise erzählter aber spannungsvoller Abenteuerroman im Indochina Anfang des frühen 20. Jhs.

5 von 5

Christel Mouchard (ansprechend übersetzt von Corinna Tramm) erzählt diese Abenteuergeschichte auf sehr unaufdringliche und sanfte und dadurch sehr berührende und einfühlsame Weise. Sie beschreibt Kulissen und Charaktere auf bildliche Weise und ermöglicht ihren Lesern damit einen Ausflug in ein weit entferntes Land einer vergangenen Epoche. Ein gewisses historisches und kulturelles Interesse ist von Vorteil, um „Das Geheimnis der Jadefigur“ zu schätzen zu wissen, doch erforderlich ist es nicht. Auch die Geschichte an sich weiß zu faszinieren und zu unterhalten. Es ist keine klassische Unterhaltungslektüre, doch Ninas Ungeschicklichkeiten und Fettnäpfchen, die leise Parodie auf die einfältigen französischen Oberschichtler oder Episoden wie ihr Affenfreund Croquignol sorgen für einige Schmunzelmomente.

In der Handlung fokussiert die Autorin vorrangig auf Nina, dieser personale Erzähler wird jedoch stellenweise durch die Perspektive von Tam, Wenji und der Königin unterbrochen. Nina ist eine starke junge Frau, die jedoch noch lange nicht die Reife einer Erwachsenen erreicht hat, trotz aller Bemühungen äußerlich älter zu erscheinen. Ihre spontane Art und ihre impulsiven Entscheidungen bei der Suche nach der Wahrheit machen sie zu einem liebenswerten Charakter, mit dem sich sicherliche viele jugendliche Leserinnen identifizieren können. Im Kontrast dazu steht die junge Annamitin Tam, ein ehrgeiziges Mädchen, das trotz einer wenig vielversprechenden Zukunft an ihren Träumen festhält und sich bemüht, ihrer Situation als arme Tochter zweier Bediensteter das Beste abzutrotzen. Tam ringt im Verlauf der Geschichte mit sich, in ihr kämpfen widersprüchliche Gefühle von Freundschaft/Treue/Ehrlichkeit auf der einen und Neid/Verlockung auf der anderen Seite um die Vorherrschaft. Eines der Grundmotive des Buches ist die Beziehung zwischen den beiden so unterschiedlichen Mädchen Nina und Tam, die durch die Freundschaft ihren Horizont erweitern.

Neben den persönlichen Aspekten lehrt die Autorin ihre Leser interessante historische Tatsachen über das Indochina des frühen 20.Jahrhunderts. Über die Klassenunterschiede, die politischen Verstrickungen und die Probleme, die die französische Eroberung allen Bewohnern brachte, die geografischen Besonderheiten des historischen Hué und das harte Leben, das sogar die Königin und der junge Kaiser (der von den französischen Besatzern gegen den Willen seiner Mutter zum Herrscher erkoren wurde, um Einfluss auf ihn auszuüben) zu ertragen hatten. Natürlich kann ein solcher Roman nur an der Oberfläche kratzen, er ist jedoch bestens als Einstieg geeignet, um Interesse zu wecken und zum Weiterlesen der politischen Zusammenhänge (etwa die angedeuteten Revolutionsabsichten von Seiten der Annamiten) anzuregen. Zusammen mit Nina kann sich so die Leserin und der Leser fragen, was es für die Bewohner eines Landes bedeutet, in einer Kolonie zu leben, von der Kultur und den Einflüssen der Eroberer überrannt zu werden, ohne Mitspracherecht und die Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen. Spannend ist in diesem Zusammenhang der Plan der Königin, der auch in Bezug auf Nina in der Geschichte eine Rolle spielt…

Fazit

„Das Geheimnis der Jadefigur“ zieht seinen Charme aus dem unaufdringlichen, aber sehr ansprechenden Schreibstil der Autorin und der Faszination einer historischen Epoche und einer fremden Kultur, die die Kulisse der Geschichte bilden. Die liebenswerte eigensinnige Hauptfigur trägt zudem ihren Teil zu einem empfehlenswerten Jugendroman bei, ohne Action und Kitsch, dafür aber mit viel Gefühl und Verstand.

Originaltitel
Le secret de la dame de Jade
ISBN10
382517834X
ISBN13
9783825178345
Dt. Erstveröffentlichung
2014
Gebundene Ausgabe
272 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 13 Jahren

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