Gastspiel

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Zusammenfassung zu “Gastspiel”

Fredi ist gewohnheitsmäßiger Langzeitarbeitsloser und glühender Anhänger der lokalen Eishockeymannschaft HC Freiburg-Gottéron. Er hat keine Freundin und keine Zukunftsperspektive oder gar -pläne, möge nur „seine“ Mannschaft dieses Jahr Meister werden. Als sich sein alter Bekannter „Big Bad Boy“ bei ihm meldet und ihn vor das Rathaus bestellt um ihm von einem neuen „Projekt“ zu erzählen, ist Fredi nicht nur neugierig, sondern auch nervös. Kriminellen Aktionen gegenüber ist er zwar nicht abgeneigt, Mord kommt jedoch nicht in Frage. Das Problem ist außerdem: Big Bad Boy möchte ausgerechnet während des Gottéron-Spiels seine Aktion starten! Fredi lässt sich dennoch überreden, denn der Plan klingt ebenso einfach wie unfehlbar. Mit Hilfe einer Liste von Saisonkarteninhabern können fast 6.000 leerstehende Häuser und Wohnungen identifiziert und ausgeraubt werden, denn ihre Besitzer sitzen zeitgleich im Stadion. Hier haben Fredi und Big Bad Boy ihre Gemeinsamkeit: Mit wenig Aufwand zu mehr Geld zu kommen!

Es sieht also alles sehr vielversprechend in Fredis Leben aus: Der ersehnte Reichtum scheint zum Greifen nah, in der Kneipe hat er sogar eine attraktive schwarzhaarige Frau kennengelernt, die sich – was könnte es Perfekteres geben – als Gottéron-Fan entpuppt. Am entscheidenden Abend treffen sich also Big Bad Boy und Fredi zu ihrem Beutezug. Das erste Opfer soll Arnold W. Rappo sein. Doch schon in der ersten Wohnung passiert etwas Unvorhergesehenes. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher mit dem Eishockeyspiel, der Wohnungsbesitzer sitzt davor – und ist tot! In der zweiten Wohnung ist zwar niemand zu Hause, doch auch hier verläuft der Raubzug nicht nach Plan…

Wichtige Charaktere

  • Fredi Egger
  • Big Bad Boy
  • Fridolin Burger
  • Arnold W. Rappo und sein Neffe Ron „Ronny“ Rappo
  • Lea und Roland Rothmeier

Zitate

„Fredi hatte mit der Arbeit abgeschlossen. Vor einigen Jahren liess man ihn nicht mehr, jetzt wollte er nicht mehr. Klar, es gab Schattenseiten des Nichtstuns, zum Beispiel die vielen Vorurteile der Leute. Aber die störten ihn längst nicht mehr. Und natürlich musste man auf Vieles verzichten, die Sozialhilfe war knausrig. Dafür konnte man dieses Leben leben. Fredi wollte niemanden verurteilen, der sich für die Arbeit entschied, aber für ihn war das nichts mehr.“

„Wenn Fredi nicht so ein harter Hund gewesen wäre, hätte er auf dem Heimweg wohl geweint. Wenn er nur einen kleinen Sinn für Romantik gehabt hätte, dann hätte er sich wohl eingestanden, dass sein Bauch voller Schmetterlinge war, und dass es auf diesem Planeten noch etwas gab, das man mehr lieben konnte als Gottéron, nämlich Frauen, die Gottéron liebten.“

„Eine neue Woche begann. Langsam nahmen die Bestrebungen für die Einbrüche die Züge von Arbeit an, und das gefiel Fredi nicht, denn dann hätte er ja gleich arbeiten gehen können, und dies ohne Risiken und mit mehr Erfolg.“

Persönliche Bewertung

Augenzwinkernde Krimikomödie, die bestens unterhält und unaufdringlich zur Gesellschaftsanalyse einlädt

5 von 5

In seiner neuesten Veröffentlichung zeigt sich das Talent David Bielmanns – hier als Pierre Paillasse-, seine Charaktere und Kulissen authentisch und lebensnah darzustellen. Der Autor spielt in seiner Geschichte sehr humorvoll mit bekannten Klischees, die sich besonders in seiner Hauptfigur widerspiegeln. Fredi ist ein sehr einfach gestrickter Mitbürger, unwillig zu arbeiten und mit ganzem Herzen Eishockeyfan. Mit der Sauberkeit und Ordnung nimmt er es nicht so genau, Bier wird in rauen Mengen konsumiert, Kaffee trinkt er nur mit Schnaps, lesen ist für ihn Zeitverschwendung und um 11 Uhr aufstehen müssen, bedeutet für ihn, nicht ausschlafen zu können, doch nach einigen Dosen Bier wird sogar er zum „Philosophen“. David Bielmann taucht in die Psyche seiner Hauptfigur ein und fokussiert mit dem Erzähler auf diese, behält jedoch gleichzeitig genügend Abstand zum Charakter. Fredi als Hauptperson ist nicht gerade ein Sympathieträger, doch das tut der Geschichte keinen Abbruch, dank des kritischen Abstands ist es nicht unbedingt notwendig, sich mit ihm zu identifizieren. Man schmunzelt und schüttelt vielleicht den Kopf und amüsiert sich gleichzeitig prächtig über die Figur des Fredi.

Beispiele für den Komödiencharakter des Buches gibt es einige: Die Missgeschicke der beiden nicht allzu geschickten Protagonisten erinnern mitunter ein wenig an Dick & Doof oder die Olsenbande. Der Autor erzählt die Geschichte mit viel herrlicher Ironie, wenn er seine Charaktere „tiefgründige“ Gespräche über Eishockey führen lässt oder wenn Fredi meint, ohne sein Fandasein, ohne „seinen“ Verein wäre er auf die schiefe Bahn geraten… Angesichts seiner konkreten Raubpläne eine ironische Aussage, die wunderbar die mitunter zweifelhafte Selbstwahrnehmung von Menschen karikiert. Als Krimikömodie bietet „Gastspiel“ nicht die fesselnde Spannung eines Thrillers, aber dank vieler humorvoller Passagen und einiger überraschender Wendungen erwartet die Leser beste Unterhaltung bis zur letzten Seite!

Dabei gelingt dem Autor das Kunststück, seine Charaktere weniger wertend als vielmehr satirisch zu portraitieren. David Bielmann, der Autor, selbst ein Eishockeyfan, beweist, dass man sich den Blick von außen bewahren kann und zeigt augenzwinkernd die Logik und für Nicht-Eingeweihte bisweilen abstrusen Gedankengänge eines echten „Fans“ auf: Der Anhänger der gegnerischen Mannschaft ist ein Feind, der Fan der eigenen Mannschaft ist automatisch ein Verbündeter. Auch in kritischen Situationen (zum Beispiel während eines Einbruchs) denkt der wahre Fan vor allem an den Spielstand. Die Plätze zwei bis Tabellenende interessieren nicht, nur die Spitze zählt! Und dann gibt es da noch das Dilemma des Fan-Daseins: Die eigenen Spieler sind natürlich Helden, wer zum gegnerischen Verein wechselt, ist ein Verräter, doch was, wenn er zuvor ein wichtiges Siegtor erzielt hat?

Auch wenn der Fokus nicht vorrangig auf dem Thema Eishockey liegt, dem Leser wird dennoch die Fan-Perspektive nähergebracht. Durch Fredi nimmt man wahr, wie sehr sich das Leben eines Menschen nur noch um die Mannschaft, die Spiele und den Tabellenplatz dreht. Für Leser und Leserinnen, die mit dem Eishockey nicht vertraut sind und die Mannschaften nicht kennen, mag „Gastspiel“ an der einen oder anderen Stelle vielleicht ein wenig verwirrend sein, ist jedoch problemlos lesbar. Man muss jedoch bereit sein, sich ein wenig auf das Milieu einzulassen, offen sein für die Welt von Fredi, die Welt eines Gottéron-Fans – der symbolisch auch für einen Fußball- oder Basketballfan oder den Anhänger eines anderen Mannschaft stehen könnte. Wer sich diese Offenheit bewahrt hat, wird mit bester Unterhaltung belohnt.

Fazit

Eine intelligente Krimikomödie im Eishockeymilieu, die Sportfans augenzwinkernd und ebenso wohlwollend wie kritisch den psychologischen Spiegel vorhält.

ISBN10
3952365777
ISBN13
9783952365779
Dt. Erstveröffentlichung
2013
Broschierte Ausgabe
119 Seiten

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