Flucht eines Toten

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Verlag
Woa Verlag
Anspruch
5 von 5
Lesespaß
5 von 5
Schreibstil
5 von 5
Spannung
4 von 5

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Zusammenfassung zu “Flucht eines Toten”

Albert Leblanc wuchs als Pflegesohn eines ungerechten und lieblosen Vaters auf. Jetzt ist er Koch im Gasthof, wo seine Arbeit wenig geschätzt und selten gelobt wird. Der junge Mann wohnt vollkommen isoliert, hat noch niemals eine Frau nackt gesehen, hat keine Freunde oder Familie. Seine einzigen Freunde sind seine alte Gitarre und der Absinth, den er nach Feierabend einsam in seinem ärmlichen Zuhause trinkt. Das Leben hat Albert nichts zu bieten und so beschließt er, dem Elend ein Ende zu setzen. Gewissenhaft plant er seinen Tod – um sicherzustellen, dass sein Vorhaben gelingt, möchte er nach einer Überdosis Tabletten sein Haus zusammen mit sich selbst anzünden. Nur um den Kontakt zu seiner Kollegin Mona tut es ihm leid – dem einzig freundlichen Menschen in seinem Leben und einer unglücklich verheirateten jungen Frau. So schreibt Albert ihr einen Abschiedsbrief, bevor er seinen Selbstmord in die Tat umsetzt.

Doch sein Plan geht schief und er überlebt. Stattdessen stirbt Hans Fahler, ein einsamer Mann und frisch ausgeschiedenes Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, bei dem Versuch, Albert aus dem brennenden Haus zu retten. Albert bringt es anschließend nicht mehr über sich, sich das Leben zu nehmen. Er muss hilflos aus dem Verborgenen miterleben, wie man den Toten für seine Leiche hält, denn der verbrannte Körper ist nicht mehr zu identifizieren. Im Dorf kann Albert nicht mehr bleiben. Nachdem er seiner eigenen Beerdigung beigewohnt hat, verlässt er seine Heimat und macht sich auf den Weg nach Süden, immer in der Angst, man möge ihm auf die Schliche kommen…

Wichtige Charaktere

  • Albert Leblanc
  • Mona Gutmann
  • ihr Mann Franz
  • Wirt Karl
  • Alberts Pflegevater Bernhard Brülhart
  • Hans Fahler
  • Bob, Toni, Nico und Rocco
  • Lucia
  • Gunnar
  • Britta und Frida
  • Vangelis

Zitate

„Doch, vielleicht besass er neben der Gitarre noch einen zweiten Freund: den Schnaps. Im Unterschied zum Wirt etwa trank er allerdings nie während der Arbeit, trank nie bei Mona an der Bar und schon gar nicht am Stammtisch. Albert trank ausschliesslich daheim, allein.
Obwohl er im Gasthof zur Genüge beobachten konnte, wie das teuflische Wasser seine Jünger verführte, sie knebelte und ruinierte, hatte auch er vor einiger Zeit angefangen, sich diesem Übel hinzugeben. Seit der Wirt die Unart pflegte, ihn für die zusätzlichen Leistungen mit Schnaps zu entlöhnen, hatte das Laster bei ihm seinen Lauf genommen. Es war ja auch nicht an ihm, nicht zu trinken, sagte er sich dann manchmal. Wem sonst, wenn nicht ihm, musste man den täglichen Tropfen gönnen? Er, der nichts und niemanden hatte, der kaum lebte, sondern bloss existierte. Alle anderen hätten wesentlich mehr Gründe gehabt, nicht zu trinken. Albert war ein Trinker, der sich das Trinken verdient hatte.“

„Normalerweise war zu dieser Uhrzeit keine Seele im Dorf anzutreffen, schon gar nicht werktags. Doch wen kannte Mona hier denn schon? Manchmal bildete sie sich ein, durch ihren geselligen Beruf schon beinahe das ganze Dorf zu kennen. Im Grunde aber kannte sie hier gar niemanden. Wer waren schon die Stammtischprediger, die sich anderntags zu Hause um Frau und Kind kümmerten? Wer waren die Trinker, die am nächsten Tag wieder zu Sinnen kamen? Wer waren die sich vornehm gebenden Geniesser des Sonntagsmenus, die sich unter der Woche irgendwo abrackerten? Es kam ihr vor, als ob im Gasthof alle Theater spielen würden. Auf der Bühne der Gaststube waren sie alle Schauspieler, die ihr wahres Gesicht zu verbergen suchten.“

Persönliche Bewertung

Außergewöhnliche philosophische und intelligente Erzählung über das Leben

5 von 5

Wie bereitet man seinen eigenen Tod vor? Und wie lebt es sich als Toter? David Bielmanns Erzählung „Flucht eines Toten“ ist nicht nur in seinem Aufbau etwas ganz Besonderes: Die beiden Teile des Buches „Tod eines Lebenden“ und „Leben eines Toten“ an sich deuten schon den philosophischen Kern der Geschichte an. Zudem sind vielen Kapiteln Akkorde voran gestellt – wer ein Instrument spielt – besonders eine Gitarre – sollte sich hierdurch verleiten lassen, ähnlich wie Albert Leblanc seine eigenen Melodien zu kreieren. So ist dieses Buch mindestens für Musiker und Musikliebhaber, aber auch für Leser mit einer philosophischen Ader ein echter Lesegenuss.

An der pittoresken und anspruchsvollen Sprache gibt es rein gar nichts auszusetzen, für hochdeutsche Leser ist allein die Abwesenheit des Buchstabens ß im Schweizerischen anfangs ein wenig irritierend, dieser Umstand kann jedoch keinesfalls dem Autor angelastet werden. In treffenden Worten erzählt David Bielmann einfühlsam und eindrücklich die Geschichte eines Außenseiters und seines ungewöhnlichen wenn auch nur begrenzt freiwilligen Lebensweges. Dass die Erlebnisse aus Alberts Sicht erzählt werden, lässt das Geschehen besonders nah am Leser erscheinen. Trotz aller Einblicke in seine Gedankenwelt bleibt die Figur des Albert Leblanc immer auch ein wenig mysteriös, was die Geschichte umso interessanter macht.

Lässt man sich darauf ein, kann „Flucht eines Toten“ zu allerlei philosophischen und persönlichen Gedanken anregen. Der Autor verarbeitet interessante Ideen in seiner Geschichte: Wer kann schon seiner eigenen Beerdigung beiwohnen und die Reaktionen seiner Umgebung beobachten? Wie lebt es sich als Totgeglaubter? Und wie ironisch, dass es sich erst als „Toter“ wirklich frei und unbeschwert lebt, dass nach dem vermeintlichen eigenen Tod der Lebenswille und -mut zurückkehren. Gleichzeitig vermittelt die Geschichte auch die Botschaft, dass es niemals zu spät ist, seinen Träumen nachzujagen, dass niemand in Alberts oder Monas Situation nur Opfer eines schweren Schicksals ist, sondern dass es sich lohnt, das Leben als Akteur zu gestalten und nicht bloß Spielball des Lebens zu sein.

Fazit

Ein hochinteressantes Buch voller brillanter Ideen und Gedankengänge, das sich gut liest, zum Nachdenken und Philosophieren anregt und gleichzeitig bei aller Tragik als ein kleines Plädoyer für den Lebenswillen und die Hoffnung gelesen werden kann.

ISBN10
3952365726
ISBN13
9783952365724
Dt. Erstveröffentlichung
2011
Taschenbuchausgabe
255 Seiten

Eine Antwort zu
Flucht eines Toten

  1. Sabrina

    Ein wirk­li­ch tol­les Buch, das mir freund­li­cher­wei­se von Buch­he­xe Ilga über­las­sen wur­de.
    Obwohl beson­ders der ers­te Teil, der Alberts ödes Leben beschreibt, eher anspruchs­voll ist, bleibt es immer span­nend. Die kur­zen Kapi­tel ver­lei­ten immer wie­der dazu, noch ein wenig wei­ter­zu­le­sen.
    Man meint zuer­st nicht, dass man sich mit Albert auf­grund sei­ner depres­si­ven Ein­stel­lung und dem Lebens­über­druss iden­ti­fi­zie­ren kann. Doch immer wie­der habe ich mich dabei ertappt, dass die Gedan­ken Alberts gar nicht so abwe­gig sind und sich sicher jeder schon das ein oder ande­re Mal genauso gefühlt und den „nor­ma­len“ Mit­men­schen mit dem sel­ben Unver­ständ­nis begeg­net ist.
    Das Erzähl­tem­po wird im zwei­ten Teil um eini­ges rasan­ter und die Welt in der Albert sich bewegt, wirkt von Sei­te zu Sei­te far­ben­fro­her.
    Einen Punkt Abzug gibt es eigent­li­ch nur, weil der zwei­te Teil etwas ins Ober­fläch­li­che abdrif­tet.

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