Faserland

Autoren

Christian Kracht - Faserland

    Anspruch
    4 von 5
    Humor
    3 von 5
    Lesespaß
    3 von 5
    Schreibstil
    3 von 5
    Spannung
    3 von 5

    Bei Amazon ansehen

    Zusammenfassung zu “Faserland”

    Der Leser begleitet den Ich-Erzähler bei seiner Durchquerung Deutschlands von Nord nach Süd. Dieser startet auf Sylt, wo er seine alte Bekannte Karin trifft. Gemeinsam mit deren Freunden Anne und Sergio, die sie an der Buhne 16 abholen, betrinken sie sich abends in Kampen.
    Die nächste Station ist Hamburg. Der Ich-Erzähler wohnt bei seinem Freund Nigel, mit dem er abends eine Party besucht, auf der Drogen konsumiert werden. Als der Ich-Erzähler Nigel am frühen Morgen bei einer Orgie in seiner Wohnung erwischt, flieht er und nimmt sich einen Flieger nach Frankfurt. Dort angekommen schläft er im Hotel seinen Rausch aus. Abends trifft er zufällig seinen alten Freund Alexander, der ihn allerdings nicht bemerkt. Der Ich-Erzähler reist schließlich mit dem Zug weiter in Richtung Karlsruhe, steigt aber spontan in Heidelberg aus.
    Es folgen weitere Bekanntschaften, Partys und Alkoholexzesse an den nächsten Stationen München und Meersburg, bis die Reise schließlich in Zürich endet.

    Wichtige Charaktere

    • der Ich-Erzähler
    • Karin
    • Nigel
    • Alexander
    • Varna
    • Eugen
    • Rollo

    Zitate

    „Der Himmel ist hier ganz anders. In Norddeutschland ist der Himmel riesengroß und er erdrückt einen fast. Manchmal fällt es einem schwer, unter einem norddeutschen Himmel gescheit zu atmen. Dann steht man da, auf dem flachen Land, und diese großen dunkelgrauen Wolken ziehen über einen weg, und dann bekommt man keine Luft mehr, so, als ob die Lungen das kommende Gewitter nicht ertragen könnten. Aber hier unten im Süden ist alles anders. Hier ist der Himmel ein Teil des Landes, ein Teil der Welt. Wenn es hier gewittert, dann ist das eben eine ganz ruhige und milde Sache, und nicht so ein Wagner-Nazigewitter wie da oben im Norden.“

    „Was ich sagen will, ist: Ich habe das ja verstanden, was der Alexander damit meinte, aber eben auch wieder nicht. Es gibt so Momente, in denen ich alles genau verstehe, so, wie mit Nigel und seinen T-Shirts, und dann plötzlich entgleitet mir wieder alles. Ich weiß, daß es mit Deutschland zu tun hat und auch mit diesem grauenhaften Nazi-Leben hier und damit, daß die Menschen, die ich kenne und gern habe, so eine bestimmte Kampfhaltung entwickelt haben und daß es für sie nicht mehr anders möglich ist, als aus dieser Haltung heraus zu handeln und zu denken. Das verstehe ich ja noch. Aber manchmal verstehe ich den Ansatz dieser Haltung nicht, die Herangehensweise, und dann frage ich mich, ob das immer schon so war und ob ich nicht vielleicht auch so bin, eben für die anderen überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.“

    Persönliche Bewertung

    Die Beschreibung einer Reise quer durch Deutschland spaltet die Literaturkritik.

    3 von 5

    Beim Lesen von „Faserland“ fragen sich die meisten Leser vermutlich früher oder später: „Warum?“ beziehungsweise „Worauf führt das hinaus?“. Man beobachtet diesen namenlosen Ich-Erzähler, von dem man weder Beruf, noch Wohnort, noch nennenswerte Ereignisse aus seinem Leben weiß, bei einer Reise quer durch Deutschland, von der man weder die Motivation noch das Ziel kennt. Man beobachtet ihn, so wie er selbst auch nur Beobachter der bedeutungslosen Geschehnisse zu sein scheint. Er lässt sich treiben, scheint keine engeren Kontakte zu haben, wirkt unbeteiligt, unreflektiert, schlicht und irgendwie neurotisch. Wenn er beschreibt, was er macht, scheint es manchmal, als sei er sich selbst fremd und als überrasche er sich selbst manchmal damit, was er denkt, fühlt oder tut. Geld hat er genug, Glück scheinbar wenig. Wie ein kleines Kind macht er in jedem Moment genau das, was er gerade will, ohne über Folgen, Alternativen, Moral oder Sinn nachzudenken. Zwar macht der Ich-Erzähler sich durchaus über vieles Gedanken, wenn er durch irgendetwas, was er sieht oder hört, darauf gebracht wird, kommt aber selten zu Ergebnissen. Ein Motiv in seinen Überlegungen ist der Nationalsozialismus sowie generell politische Ausrichtungen.

    Die Erzählweise, bei der der Ich-Erzähler sozusagen „in Echtzeit“ seine Erlebnisse beschreibt und kommentiert, sorgt dafür, dass man sich als Leser direkt angesprochen und in die Geschichte hineingezogen fühlt. Eine Identifikation mit dem Protagonisten wird aber dadurch behindert, dass er völlig unverständlich und wechselhaft handelt, weshalb es auch schwer fällt, ihn sympathisch zu finden.
    Der Schreibstil ist auf den ersten Blick einfach und umgangssprachlich, versteckt hinter dieser Einfachheit aber einige Anspielungen und Ansätze zu tieferen Themen. Da schnell klar wird, dass die wenig spannende Schilderung der Herumfahrerei, Partys und Abstürze nicht Selbstzweck sein kann, macht man sich auf die Suche nach einer anderen Lesart, die den Sinn aufdeckt. Insofern ist die Geschichte trotzdem spannend, weil man die Beweggründe des Protagonisten verstehen will und wissen will, warum der Autor diese Szenen beschreibt. Sicherlich findet aber nicht jeder Zugang zu dem Roman. Manche werden ihn wahrscheinlich einfach nur nervig und verstörend finden, andere sehen vielleicht genau in dieser Verstörung und Ratlosigkeit den Anreiz, die Geschichte verstehen zu wollen.

    Es fällt schwer, ein eigenes Urteil über „Faserland“ zu entwickeln, wenn die Rezeption des Buches bekannt ist. 1995 erschienen, hat es wenig Aufmerksamkeit erregt. Die, die es bemerkt haben, hatten dazu sehr verschiedene Meinungen. Erst seitdem „Faserland“ im Nachhinein zum Paradebeispiel für die Popliteratur der 1990er Jahre ernannt wurde, wurde es vermehrt diskutiert. Umstritten ist besonders, ob der Roman das Portrait einer Generation zeichnet, die sich in Dekadenz, Konsum und Rastlosigkeit verliert und inmitten von Alkohol, Drogen und Sex ihren Sinn und ihre Identität sucht. Auch der Titel wurde in unzähligen Deutungsversuchen auseinandergenommen.

    Letztendlich bleiben in dem Buch viele Leerstellen, die nicht eindeutig gefüllt werden können. Oder, anders ausgedrückt: „Faserland“ lässt dem Leser viel Raum für seine eigenen Interpretationen.

    Fazit

    „Faserland“ beschreibt eine seltsame Reise von Nord- nach Süddeutschland. Ein Roman, bei dem die Entscheidung schwer fällt, ob er gut oder schlecht ist. Einige sehen ihn als bedeutenden Vertreter der Popliteratur der 1990er Jahre, andere halten ihn für überbewertet. In jedem Fall regt er zum Nachdenken und zu Diskussionen an.

    ISBN10
    3462042394
    ISBN13
    9783462042399
    Dt. Erstveröffentlichung
    1995 (2010)
    Gebundene Ausgabe
    176 Seiten