Die Zeit, die Zeit

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Diogenes Verlag

Zusammenfassung zu “Die Zeit, die Zeit”

Der Jahrestag des Todes von Peter Talers Frau ist da. Vor einem Jahr erschoss jemand Laura Wegmann Taler, als sie vor der Tür der gemeinsamen Wohnung stand und Sturm klingelte, um hineingelassen zu werden. Seit diesem Tag verbringt Taler sein Leben nicht mehr in der Gegenwart. Stattdessen schleppt er sich täglich zur Arbeit, verbringt dort isoliert seinen Tag, um abends nach Hause zu kommen und Lauras letzten Tag wieder und wieder herauf zu beschwören. Nach den immer gleichen Spaghetti mit Tomatensoße und Basilikumblättern, setzt sich Taler Abend für Abend an seine Fensterbank und starrt auf die Straße. Er versucht herauszufinden, was an Lauras Todestag anders gewesen war – denn dass etwas anders war, da ist er sich sicher. Da sein einziges Lebensziel die Rache an Lauras Mörder ist, klammert er sich an die Hoffnung, dass diese eine Veränderung ihn zu dem Mörder führen kann.

Im Haus gegenüber von Taler wohnt der seltsame alte Albert Knupp, der ebenfalls Witwer ist und vereinsamt sein Leben führt. Eines Tages überfällt ihn eben dieser Knupp mit einer verrückten Idee, bei deren Umsetzung er Talers Hilfe benötigt. Knupps Idee basiert auf der Theorie, dass es die Zeit nicht gibt. Es gibt nur Veränderungen. Wenn man es aber schaffen würde, alle Veränderungen rückgängig zu machen, könne man einen Moment noch mal erleben. Auf diese Weise hofft Knupp, seine verstorbene Frau zum Leben erwecken zu können. Und obwohl Taler nicht restlos von dieser Theorie überzeugt ist, sagt er Knupp die Hilfe zu, da dieser ihm im Gegenzug verspricht, ihm zu helfen, Lauras Mörder zu finden. Nun versuchen die beiden alle Veränderungen, die in den letzten 20 Jahren geschehen sind, rückgängig zu machen, um Knupp die Chance zu geben, eine Entscheidung neu zu treffen. Dabei stoßen sie mehr als einmal an ihre Grenzen und Taler setzt viel für dieses Experiment aufs Spiel.

Wichtige Charaktere

  • Peter Taler
  • Laura Wegmann Taler
  • Albert Knupp
  • Martha Knupp

Zitate

„‚Die Apfelbäume. Nehmen Sie die Apfelbäume, Sie wissen ja welche.‘
Peter nickte.
‚Weil sie wachsen, weil sie jedes Jahr größer sind als letztes, glauben wir, es sei Zeit vergangen. Dabei sind nur die Apfelbäume gewachsen. Wenn sie aufhören würden zu wachsen, bliebe auch die sogenannte Zeit stehen. So einfach.‘
Er trank sein Bier aus. ‚Die Veränderung schafft die Illusion von Zeit. Die Wiederholung ist ihr Tod. Ein Tag, an dem alles gleich ist wie am Vortag, wäre der Beweis, dass es in Wirklichkeit die Zeit ist, die ausbleibt. Und ein Tag, an dem alles gleich ist wie an einem Tag vor Jahren, erst recht.'“

„‚Die Frau hat gesagt, Laura sei oft gekommen. Vielleicht hat sie dabei einmal die Pelzmütze getragen. Vielleicht war die Ladenbesitzerin einmal dabei, den Christbaum zu schmücken. Aber weil es die Zeit nicht gibt, ist beides zeitfrei geschehen.‘
Peter Taler versuchte, es sich vorzustellen, aber es überstieg sein Vorstellungsvermögen. ‚Man könnte es auch einfacher sagen: Frau Neuschmid ist eine alte Frau, und alte Menschen bringen manchmal Dinge durcheinander.‘
Knupp lächelte. ‚Stimmt. Aber die Wahrheit ist: je älter man wird, desto bedeutungsloser wird die Zeit. Auch wenn man nicht an ihre Inexistenz glaubt. Und von Bedeutungslosigkeit zur Inexistenz ist es nur ein ganz winziger Schritt.’“

Persönliche Bewertung

Ein gut geschriebenes, leider etwas unlogisches Buch über ein außergewöhnliches Experiment.

3 von 5

Sicher ist „Die Zeit, die Zeit“ nicht der beste Roman, den Martin Suter in seinem Leben geschrieben hat. Zu viele logische Lücken fallen dem Leser bei der Lektüre ins Auge. Zu viele Längen hat das Buch. Zu langsam plätschert die Handlung zeitweise, ohne dabei Spannung aufzubauen. Die Beschreibung, wie die beiden Männer versuchen, Knupps Garten auf den Stand von vor 20 Jahren zu bringen, nimmt viel Platz ein und ist für den Leser nur mäßig interessant zu lesen.

Die logischen Probleme des Buchs machen es schwer, sich in der Geschichte zu verlieren und sich auf das „Experiment“ wirklich einzulassen. Der Versuch, alle Veränderungen rückgängig zu machen, um einen Moment noch einmal exakt so passieren zu lassen, müsste bei Menschen schon allein daran scheitern, dass sich Menschen in 20 Jahren auf nicht mehr rückgängig zu machende Weise verändern. Martin Suter versucht dieses Problem zu umgehen, indem sich Knupp äußerlich seinem Bild von vor 20 Jahren annähert. Allerdings wird an anderen Stellen eine so penible Nachbildung des damaligen Tages gefordert, dass es mit einem Lifting und gefärbten Haaren eigentlich nicht genügen dürfte. Auch bleibt offen, wieso ohne Zeit die Reihenfolge der Veränderungen eben doch wie Zeit abläuft und aufeinander aufbaut. Und nicht zuletzt ist fraglich, warum eine Änderung in einem schon einmal vergangenen Moment Auswirkungen auf die Zukunft – die es ja nicht gibt – haben kann, wenn doch alles gleichzeitig passiert.

Trotz diesen Schwächen ist das Buch – bis auf die Längen der Gartenarbeit – gut geschrieben und schafft es zumindest streckenweise, den Leser zu fesseln. Die Sprache ist knapp und präzise und trotzdem schön zu lesen. Obwohl die beschriebenen Charaktere nicht klassisch sympathisch beschrieben sind, wachsen sie einem doch immer mehr ans Herz. Talers Trauer geht dem Leser nahe und mehr als einmal verspürt man den Wunsch, ihm zu helfen. Knupps kryptisches Verhalten und die nebenher laufende Suche nach Lauras Mörder machen den Roman interessanter, als es die „Hauptgeschichte“ um das Experiment hergibt. Auch das Ende ist eine überraschende Wendung, die das Buch zum Schluss noch einmal spannend werden lässt.

Fazit

Es tut nicht weh, das Buch zu lesen – es tut aber sicher auch nicht weh, es nicht zu lesen.

ISBN10
3257068301
ISBN13
9783257068306
Dt. Erstveröffentlichung
2012
Gebundene Ausgabe
396 Seiten