Die Ausreisserin

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Woa Verlag

Zusammenfassung zu “Die Ausreisserin”

Lisa ist vierzehn, als ihr alkoholkranker Vater stirbt. Nach seinem Tod entfernen sie und ihre Mutter Klara sich noch weiter voneinander als zuvor. Das schwierige Verhältnis zwischen Mutter und Tochter findet seinen Höhepunkt, als Lisas Mutter wenige Wochen noch dem Tod des Vaters einen neuen Freund mit nach Hause bringt – Johann. Der neue Mann spielt sich als Ersatzvater auf, mischt sich in die Beziehung ein, ist ungerecht und verständnislos. Klara schlägt sich auf Johanns Seite und verliert damit jeden Zugang zu ihrer Tochter, die sich auf Drogen einlässt und Ladendiebstahl begeht. Als Lisa es nicht mehr aushält, nutzt sie die Gelegenheit und reißt von zu Hause aus. Das mitgenommene Geld wird ihr schon in der ersten Nacht gestohlen und so muss sie mit Stehlen ihren Hunger stillen und trampen.

Am Genfersee findet sie eine alte verlassene und heruntergekommene Villa, in die sie einbricht und die zu einem vorübergehenden Zuhause werden soll. Sie ist jedoch nicht allein in ihrem Unterschlupf und lernt den geheimnisvollen Anatol und sein Äffchen Judy kennen, die durch die Lande ziehen und sich mit Musik und Gaukelei ihr tägliches Geld verdienen. Lisa schließt sich ihnen an und genießt das freie unbeschwerte Leben. Doch dann verlässt Anatol sie – mit dem Versprechen zurückzukommen und ohne jede Erklärung. Lisa liegt schwer krank in der verlassenen Villa und kann nicht zu ihrer Mutter zurückkehren. Sie wird schließlich von Candeur gerettet, der die alte Villa gehört und die sie nun verkaufen möchte. Candeur trägt nur teure Markenkleidung und legt großen Wert auf ihr Äußeres. Trotz ihrer ersten Vorbehalte hilft sie Lisa und bringt sie zurück zu ihrer Mutter. Sie möchte Lisa sogar zu einem Modeljob in der Agentur ihres Bruders Nikolai in Paris verhelfen und stellt damit Lisas Leben vollkommen auf den Kopf…

Wichtige Charaktere

  • Klara „Claire“ Brühweiler
  • ihr Mann Rolf
  • ihre Tochter Lisa
  • Lisas Freundin Trixi
  • Anatol und sein Affe Judy
  • Candeur und Nikolai
  • Marco und Tommy
  • Johann

Zitate

„Das sanftblaue Licht der Dämmerung fiel durchs Küchenfenster, als Klara Brühweiler das Abendessen für ihre Familie zubereitete. Der appetitanregende Duft gebratener Kartoffelscheiben breitete sich in der Luft aus. Klaras Ehemann Rolf, ein Frührentner, döste unterdessen auf seinem Stammplatz, einem himberroten Plüschsofa vor sich hin. Immer öfter zog Rolf sich zurück und hielt stumme, schluckfreudige Zwiesprache mit den Wein- und Schnapsflaschen auf dem Nierentisch neben dem Sofa.“

„Sie schulterte den Rucksack und war bereit, ein paar Schritte zu tun und dann die Genugtuung darüber zu verspüren, sich für die Welt unsichtbar gemacht zu haben. Gab es einen stärkeren Ausdruck für die Selbständigkeit des Menschen? Den Schritt über den Wegrand zu wagen, sich ein paar Meter in den Wald hineinzubegeben und aufzuhören, sichtbar zu sein.
Sie schritt über den moosig-feuchten Waldboden und fühlte sich auf einmal wieder unbeschwert und lebensfroh. Der Ort gefiel ihr, er hatte etwas Verlassenes, Verwildertes. Sie tanzte und hüpfte um die Bäume, das Leben war aufregend und schön. Den Kopf in den Nacken gelegt, verlor sich ihr Blick in den hohen Baumwipfeln. Die Baumkronen standen dicht beieinander, sodass nur vereinzelte Sonnenstrahlen den diffusen Dämmer durchdrangen und den Waldböden berührten wie flimmernde Lichtpfützen.
Sie fing an, sich wie ein Derwisch um die eigene Achse zu drehen, das satte Grün der Bäume kreiste schneller und schneller vor ihren Augen. Die Farben und Formen und ihre Umgebung kreisten viel schneller um sie, als sie sich selbst zu drehen vermeinte. Schwindlig und erhitzt liess sie sich zu Boden plumpsen, streckte alle viere von sich und rang nach Luft.
Vögel zwitscherten, unsichtbare Pforten scharrten und verdörrtes Laub raschelte leicht und hell. Besänftigende, murmelnde Geräusche, so alt wie die Zeit. Da! Lisa spitzte die Ohren. Das war Wassergeplätscher, das Seeufer musste ganz in der Nähe sein. Sie erhob sich, um dem Geräusch zu folgen. Ein Picknick am See, an einem verlassenen, weltvergessenen Ort, das wäre jetzt genau nach ihrem Geschmack!“

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Persönliche Bewertung

Gelungener Debütroman über das Leben, das Erwachsenwerden und den Protest

4 von 5

Die Schweizer Autorin Teresa Fortis zeichnet die Geschichte eines jungen Mädchens, das in deprimierenden Verhältnissen aufwächst. Lisa flüchtet sich in ein Leben voll vermeintlicher Freiheiten – ältere Jungen, Drogen und Ladendiebstahl. (Ein wenig ironisch muten Lisas Zigarettenkonsum und andere erste Begegnungen mit Drogen an – schließlich hat sich ihr eigener Vater gerade erst zu Tode gesoffen.) Die Reaktion ihrer Mutter und vor allem ihres neuen Stiefvaters führen nicht etwa dazu, dass Lisa sich auf Vernunft besinnt. In ihrer Situation sorgen die Einmischungen des vermeintlichen neuen Vaters und die unkritische Apathie ihrer Mutter dafür, dass Lisa erst recht rebelliert. Ihr Leben als Ausreißerin wird realistisch beschrieben, gleichzeitig stellenweise etwas glorifiziert. Die Freiheit, die Lisa nach dem Käfig ihres bisherigen Lebens voll auskostet, hat in den Augen des kritischen Lesers einen bitteren Beigeschmack: Die Figur des Anatol ist ebenso liebenswert wie tragisch mit seinem Alkohol- und Tabakkonsum. Einerseits zeigt er Lisa die Zuneigung, die sie in ihrer Situation so dringend braucht, andererseits verhält er sich verantwortungslos, indem er einem so jungen Mädchen Tabak anbietet und sie vor allem in einer bedenklichen und sogar lebensbedrohlichen Situation allein lässt.

Die Figur der Lisa zeigt eine interessante Entwicklung: Von der Rebellin entwickelt sie sich unter dem Einfluss des größstädtischen Pariser Modelbusiness und ihrer neuen Freundin Candeur zu einem selbstverliebten Mädchen mit sehr oberflächlichen Ambitionen und Prioritäten im Leben. Ohne zu viel zu verraten, nimmt ihr Leben eine tragische Wendung, die ihre bisherige Einstellung in Frage stellen soll. Eine echte Sympathiefigur ist Lisa für den erwachsenen und „vernünftigen“ Leser nicht, dafür wird das Mädchen als zu oberflächlich dargestellt. Eine ähnliche Entwicklung, wenn auch unter anderen Voraussetzungen, macht Candeur durch – die einerseits durch ihr Engagement für Lisa positiv dargestellt wird, andererseits aber durch ihre dekadente Oberflächlichkeit und ihre zweifelhaften Pläne mit Lisa (die dem Mädchden ganz offensichtlich nicht gut tun) negativ auffällt.

Die Geschichte bleibt bis zum Ende spannend, auch wenn die letzte Auflösung des Geheimnisses um Anatol sich in ähnlicher Weise länger abzeichnete. Dass „Die Ausreisserin“ Teresa Fortis‘ Debütroman ist, ist der Geschichte nicht anzumerken. Der Schreibstil der Autorin braucht sich vor vielen populären Autoren und ihrer Sprache nicht verstecken. So ist eine leicht zu lesende, ansprechende Geschichte entstanden, die ihre Leser in eine andere Zeit entführt, die aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig unverständlich ist, aber dennoch einen gewissen Zauber versprüht.

Fazit

Eine berührendes und nachdenkliches Debüt vor einer realistischen Kulisse voller authentischer Charaktere.

ISBN10
3952365742
ISBN13
9783952365748
Dt. Erstveröffentlichung
2012
Gebundene Ausgabe
173 Seiten