Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Autoren
Verlag
Kiepenheuer & Witsch Verlag

Zusammenfassung zu “Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel”

Das Leben des Paul Wendland läuft alles andere als blendend. Trotz seiner Abstammung aus dem Künstlerdorf Worpswede versucht er erfolglos als Galerist in Berlin Fuß zu fassen, sein Liebesleben fliegt nach Barcelona und fast täglich treffen Pakete mit vergammeltem Salat bei ihm ein, die ihm seine Mutter aus Lanzarote in die vitaminarme Großstadt schickt. Eines Tages ruft ihn seine Mutter an und schickt ihn nach Worpswede, um dort ihr Vaterhaus zu retten, das droht durch den morastigen Untergrund auseinander zu brechen. Auch Paul ist in diesem Haus groß geworden und so fährt er widerwillig in seine Heimat.

Im Haus lebt nur noch sein geistig zurückgebliebener Onkel „Nullkück“. Mit ihm gemeinsam versucht Paul nun unter Anleitung eines fachkundigen Einheimischen, das Haus vor dem Grundbruch zu bewahren. Dazu müssen unter anderem im Garten Löcher gegraben werden. Bei dieser Arbeit stoßen sie auf eine vergrabene Bronzeskulptur des Großvaters, der ein regional für seine Bronzeskulpturen bekannter Künstler war und in wenigen Tagen zum Künstler des Jahrhunderts erklärt werden soll. Die vergrabene Skulptur stellt einen Reichsbauernführer aus der Nazizeit da. Dieser Fund und der unfreiwillig lange Aufenthalt in seiner alten Heimat zwingen Paul dazu, sich mit der Kück’schen Familiengeschichte auseinanderzusetzen und einige Kindheitserinnerungen in Frage zu stellen. Zusammen mit dem alten Haus beginnt sein Bild der Familie zu bröckeln…

Wichtige Charaktere

  • Paul Wendland
  • Paul Kück
  • Peter Ohlrogge
  • „Nullkück“
  • Johanna Kück

Zitate

„‚Der alte Gerken war auch dabei, der hat sich den Fund angeguckt und fast die Hacken zusammengeschlagen vor Rührung! Ein echter Kück, hat er gesagt. Das Beste von Kück im Reichsacker! Im Reichsacker!? Was ist das überhaupt für eine krasse Formulierung? Hast du mal gehört, dass dein Vater bei Dreharbeiten im Moor war? Hier wurde Landvolk in Not gedreht, da hilft der Bauernführer dem Volk beim Graben und ein Maler malt das alles. Ich wette, dein Vater ist da hingegangen, hat sich direkt beim Reichsbauernführer vorgestellt und gesagt, er wolle ihn in Bronze gießen!‘ ‚Und was sollen wir jetzt bitte tun?‘, fragte seine Mutter, zurückgedrängt in ihrem Versuch, den Sohn zu übersprechen. ‚Ich weiß nicht‘, sagte Paul. ‚Das ist dein Vater, was habe ich mit dem alten Mist zu tun? In Berlin gibt es einen Blumenhändler, mit dem arbeite ich jeden Morgen die DDR aus. Ich bin schon ein paar Diktaturen weiter.‘ Er nahm sich vor, ihr jetzt noch die geforderte Gegenwart um die Ohren zu hauen: ‚Man kann sich Sorgen machen um die Leute im Kongo. Mich interessiert die Al-Qaida, ich würde gern die arabische Seele verstehen oder mal unserem Amerikabild auf den Grund gehen. Wusstest du, dass die jetzt sogar im Nahen Osten demokratisch wählen wollen? Nur in Worpswede, da ruht alles schön im Reichsacker. Und man hält seit sechzig Jahren die Klappe! Weißt du was, kümmere du dich um deinen Vater, aber lass mich damit in Ruhe!'“
Er bekam sofort ein schlechtes Gewissen, dass er so mit seiner Mutter sprach. Er merkte allein durch ihr Schweigen, wie sehr sie um Fassung rang. ‚Was sollen wir jetzt bitte tun?‘ – So etwas hatte sie noch nie gesagt. Sie sprach nicht mehr wie zu einem kleinen Jungen mit ihren Lebensanweisungen, sondern nun war sie plötzlich das Mädchen. Vielleicht, weil ihr Vater überraschenderweise auferstanden war und wieder mächtig vor ihr stand.
‚Ich kriege das hier schon irgendwie hin. Glaubst du, das Haus könnte an Wert verlieren wegen dieser Geschichte?‘ fragte er. Seine Mutter schwieg. ‚Na ja, Nazis gab es viele‘, sagte Paul, ‚aber man denkt immer, nicht in der eigenen Familie.'“

Persönliche Bewertung

Ein durchwachsener Roman über einen Mann, der von seiner Familiengeschichte eingeholt wird.

3 von 5

Wer nicht mindestens einmal in Worpswede gewesen ist, bei dem ist fraglich wie viel er dem Roman abgewinnen kann. Auch wenn die Themen des Nationalsozialismus, der Verdrängung der Familiengeschichte und nicht zuletzt des Missbrauchs überregional sind, ist das Buch an manchen Stellen doch sehr regionalbezogen. Rinke beschreibt sehr viel typische Landschaft und das Leben in Worpswede. Um dies alles zu durchdringen und auch genießen zu können, muss man wohl einmal dort gewesen sein.

Insgesamt ist „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ ein Roman über den man kein wirklich einheitliches Urteil abgeben kann. Stellenweise ist er packend-spannend, dann tröpfelt das Geschehen langsam vor sich hin. Die Geschichte um die geheimnisvoll verschwundene Tante ist gut aufgezogen, doch lange vor der geschriebenen Auflösung ist dem Leser das Ende klar. Die Figuren sind skurril und verrückt, manche von ihnen liebenswert, andere einfach unsympathisch und einige auch etwas überzogen. Eine Ausnahme bildet lediglich der Protagonist Paul Wendland selber. Er stellt einen normalen Durchschnittsbürger dar, der sich mit den vergangenen Problemen seiner Familie herumschlagen muss. Schade, dass die Figur der Mutter, die gegen Ende des Romans dermaßen aus ihrer Rolle fällt, dadurch nicht mehr authentisch wirkt. Trotzdem gelingt es Rinke häufig auf eine witzige, manchmal auch schon fast böse Art darzustellen, welche Probleme eine scheinbar heile Familie bereithält. Fast immer ist eine Brise Ironie dabei, wenn er Geschichten aus der Vergangenheit des Dorflebens erzählt.

Fazit

Ein insgesamt durchwachsener Roman, den man nicht unbedingt gelesen haben muss, aber bei dem es auch keine verschwendete Zeit war, wenn man ihn gelesen hat.

ISBN10
3462041908
ISBN13
9783462041903
Dt. Erstveröffentlichung
2010
Gebundene Ausgabe
481 Seiten