Das Megafon Gottes

Autoren
Übersetzer
Christiane Rhein
Verlag
btb Verlag

Zusammenfassung zu “Das Megafon Gottes”

Die Geschichte beginnt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den tief verschneiten Bergen Albaniens. Eine Frau macht sich auf den weiten Weg zum Wasserholen, kurz bevor sie ihre Tochter gebiert. Auf der anderen Seite der Wasserstelle wird kurz darauf ein weiteres Mädchen geboren. Beide Mädchen wachsen in extremer Armut, und unter dem Rechtsystems des Kanun auf, das für die albanischen Stammesgesellschaften gilt. Verschärft wird die Dramatik durch die kommunistische Diktatur des wahnsinnigen Enver Hoxha, die sich in Albanien besonders grausam zeigt, beispielsweise in Massenerschießungen angeblicher Volksfeinde. Zwar sind sowohl Religion als auch Kanun mit dem Einzug des Kommunismus in Albanien verboten, aber das tut kam etwas zur Sache. Der Kanun betrachtet die Frau als niederes Wesen, das dem Mann zu gehorchen hat. Zudem verlangt der Kanun die Blutrache. So ist die Geschichte der Familien in den Bergen vom gegenseitigen Morden geprägt. Nur Männer haben Rechte. Eine Frau ohne Mann wird nicht geduldet. Dem einen der beiden Mädchen, Pashka, kommen alle Männer in der Familie abhanden. Sie werden bei einer Erschießung als Volksfeinde von den Soldaten umgebracht. Das andere Mädchen heiratet gehorsam einen Mann, der sie in jeder Hinsicht missbraucht, ganz wie es der Kanun gebietet. Nachdem ein Volksfeind in ihrem Hühnerstall entdeckt wird, wird die Ehefrau von ihrem Mann fast totgeschlagen und vor der Tür ihres Vaterhauses abgeladen. Beide Mädchen suchen nach einem Weg aus ihrer ausweglosen Situation und beginnen sich gegen das ihnen vorgeschriebene Schicksal aufzulehnen. Am Ende bricht zumindest die Diktatur zusammen, die jahrelang abgeschottete Außenwelt dringt durch die Risse in der Grenze langsam in das Land ein. Ob diese Revolution das Leben der beiden Mädchen lebenswerter macht, möge der Leser selbst herausfinden.

Wichtige Charaktere

  • Zwei Frauen im Nachkriegsalbanien unter der kommunistischen Diktatur des Enver Hoxhas

Zitate

„Oft habe ich mich gefragt, wie diese Männer bloß den Mut zum Töten aufbrachten, sie wussten doch, dass sie mit dem Betätigen des Abzugs ihr Todesurteil unterschrieben und trotzdem wurde in den Bergen der Rhythmus des Lebens Generation um Generation durch diese Morde vorgegeben. Als ich zur Welt kam, waren die Tage des Kanun gezählt, doch meine Mutter hat immer gesagt, hier in den Bergen brauchen wir den Kanun, er ist das wahre Recht, das einzige, das unser Blut anerkennt. So hatte sie es wieder und wieder von ihrem Vater gehört.“

„Das diese Todsünde im Stall mitten unter den Kühen begangen wird, macht sie noch schlimmer, und manchmal habe ich Angst, dass er mich womöglich nicht mehr heiraten wird, da er einen Weg gefunden hat, seine Bedürfnisse nach Belieben auch so zu befriedigen. Ich habe es niemandem erzählt, nicht der Mutter, nicht der Tante, und den Freundinnen, die in der Genossenschaft arbeiten, erst recht nicht. Was gäbe es auch groß zu erzählen? Er ist der Leiter der Genossenschaft und ich eine einfache Angestellte wie alle anderen auch, nur dass er mich auserwählt hat, seine Braut zu werden. Ich habe Angst vor meinem Vater, ich fürchte, wenn er es erführe, wäre in der Genossenschaft der Teufel los, doch tief im Innern, in der hintersten Kammer meines Herzens, fürchte ich, dass mein Vater nicht einmal das Gesicht verziehen, oder einen Finger zu meiner Ehrenrettung rühren würde.“

„Ich habe beschlossen, mich umzubringen. Mich umzubringen und als Mann wieder aufzuerstehen. Ich habe es mit Beten versucht, ich habe Gott Abend für Abend angefleht, Gnade walten zu lassen und mich von dem niederen Elend zu erlösen, das in Gestalt einer Frau in mir wohnt. Ich habe ihn beschworen, meine Fesseln zu sprengen, mir zu erlauben, keine Angst mehr zu haben, sondern mutig und mit hoch erhobenen Kopf in Männerkleidern herumzulaufen, denn in meinem Herzen schlagen bereits Kraft und Geschicklichkeit und auch alles andere, doch es ist nichts geschehen, nichts.“

Persönliche Bewertung

Leidenschaftlicher und wortgewaltiger Roman über rechtlose und missbrauchte Frauen und Mädchen.

4 von 5

Eine berauschend meisterhaft erzählte Geschichte, aus einer Welt, die so weit entfernt gar nicht ist und doch eine Welt ist, die fast völlig dem europäischen Bewusstsein entrückt ist. „Albaner“ werden zumeist nur als latent kriminalisierte Wanderarbeiter wahrgenommen. Doch auch in diesem kleinen Land leben Menschen. Und sie leiden. Und sie haben schon unglaubliches Leid ertragen zwischen Armut, Diktatur und wilden Stammesriten. Und am meisten litten die Frauen. Laura Facchi verleiht in ihrem Roman diesen Frauen, die so selten zu hören sind, die, wenn sie wahrgenommen werden, nur als verschleierte Wesen hinter ihren Männer wahrgenommen werden, eine leidenschaftlich intensive Stimme. Denn auch diese Frauen haben eine Seele, haben Träume und zumeist auch einen Haufen Traumata. Und noch immer stirbt die Hoffnung als Letztes. Selbst in den Bergen Albaniens. Davon erzählt dieser Roman.

Fazit: Auch rechtlose, missbrauchte, bitterarme Frauen und Mädchen haben eine Seele. Von dieser erzählt der Roman – leidenschaftlich und wortgewaltig.

Originaltitel
Il megafono die Dio
ISBN10
344273259X
ISBN13
9783442732593
Dt. Erstveröffentlichung
2006
Taschenbuchausgabe
191 Seiten