Anna Karenina

Autoren
Übersetzer
Arthur Luther
Verlag
Diogenes Verlag

Zusammenfassung zu “Anna Karenina”

„Anna Karenina“ ist ein äußerst lesenswerter, lebensnaher Gesellschaftsroman mit sozialkritischem Hintergrund. Gleich zu Beginn erfährt der Leser, dass die Ehe von Fürst Stiwa Oblonskij und seiner Frau Dolly in die Brüche geht, da er sie betrügt. Die Titelfigur, Anna, ist Oblonskijs Schwester – sie kann in einem vertraulichen Gespräch mit Dolly diese dazu überreden, einzulenken, so dass beide noch einmal zusammenfinden. Anna Karenina ist auch unglücklich verheiratet und verliebt sich eines Tages unsterblich in den jungen Wronskij, der gleichzeitig von Dollys Schwester Kitty verehrt wird. Lange Zeit kann Anna ihr Verhältnis vor ihrem Ehemann verheimlichen. Doch als sie von Wronskij schwanger wird und die schwere Geburt ihrer Tochter Annie mit knapper Not übersteht, willigt ihr Mann in die Scheidung ein. Doch Anna tut sich schwer, sich dafür zu entscheiden, da sie sonst ihren geliebten, älteren Sohn Serjoscha verlöre. Ihr Glück ist schwer getrübt – von Eifersucht und Selbstzweifeln geplagt, trifft Anna eine folgenschwere Entscheidung. Parallel zu den persönlichen Schicksalen – die Beziehungen von Dolly und Kitty haben sich mittlerweile zum Guten gewendet – zeigt Tolstoi auch die gesellschaftlichen Entwicklungen Russlands auf. Vieles, was die Bauern der damaligen Zeit bewegt, spiegelt sich im Leben von Kittys Ehemann Lewin wider: Dieser philosophiert über den Sinn des Daseins und darüber, ob es einen Gott gibt. Als überzeugter Atheist stellt er zahlreiche, intensive Überlegungen an und gerät mit seinen Erörterungen in eine gedankliche Sackgasse. Während Lewin auf seinem Landsitz wieder zur Ruhe kommt, sind Anna und Wronskij getrieben von Unruhe und Beziehungskonflikten.

Wichtige Charaktere

  • Fürst Stepan Oblonskij, genannt Stiwa
  • seine Frau Darja, genannt Dolly
  • Alexej Karenin
  • Anna Karenina, seine Frau
  • Sergej, genannt Serjoscha, ihr Sohn
  • Anna, genannt Anny, ihre uneheliche Tochter
  • Graf Alexej Wronskij
  • Konstantin Lewin, ein Gutsbesitzer

Interpretation

Anna Karenina kämpft gegen gesellschaftliche Konventionen an, als sie trotz Ehebruchs weiterhin Kontakt zu ihrem Sohn haben will. Was für heutige Verhältnisse meist selbstverständlich ist, musste Ende des 19. Jahrhunderts erst hart errungen werden und blieb doch oft erfolglos. Tolstois Roman beschäftigt sich intensiv mit Fragen nach dem Sinn des Lebens – damit, ob Familienglück alles sein kann, ob es legitim sei, sich scheiden zu lassen und damit auf sein Herz zu hören oder damit, was dem Leben wirklich einen tiefen Sinn verleiht. Der Autor lässt seine Figuren sich intensiv damit auseinander setzen, ihre Gedankengänge gibt er sehr gut nachvollziehbar wieder. Dabei werden damals aktuelle, politische Vorgänge einbezogen und die einzelnen, psychischen Situationen der Figuren auf feinsinnige Art eingefügt. Die Personen in Tolstois Roman stellen die seinerzeit erwartungsgemäßen Lebensmodelle in Frage – dadurch erhält das Buch einen außerordentlich hohen Anspruch und geht weit über eine banale Abfolge von Handlungen hinaus. Nicht zuletzt bietet dieser Roman seinen Lesern auch lange Zeit nach seiner Entstehung ungebrochene Aktualität. Tolstois Kunst bestand weiterhin darin, dass diese Thematik in jeder weiteren Epoche anders beleuchtet wird, so dass die Leser damals wie heute die Möglichkeit erhalten, ihre eigenen Überlegungen dazu anzustellen – angeregt durch diesen vielseitigen Roman.

Trailer zum Film

Persönliche Bewertung

Tolstois Roman ist ein unterhaltsames Buch voller Denkanstöße und mitreißender Handlung.

5 von 5

„Anna Karenina“ gehört zu den großen Werken der Weltliteratur, das sich anhaltender Beliebtheit erfreut. Eine Besonderheit des Romans ist, wie es Tolstoi gelang, die Spannung bei der beträchtlichen Länge der Handlung stets am Leben zu halten. Tolstoi erfand widersprüchliche und damit interessante Charaktere – so ist Anna lebhaft, klug und gütig, handelt auf der anderen Seite für die damalige Zeit unverfroren, als sie sich für Wronskij entscheidet. Der Zwiespalt, in dem sie sich befindet, wird äußerst eindrucksvoll beschrieben, und die Leser fühlen mit Anna und wissen, dass die Beziehung zwischen ihr und Wronskij nicht von dauerhaftem Glück sein kann. Die unausweichlichen Folgen sind Schuldzuweisungen, Eifersucht und Einsamkeit. Dabei ist es Tolstoi aufs Beste gelungen, Anna und Wronskij nicht in der üblichen Weise mit moralischen Ermahnungen zu begegnen, sondern die tiefergehenden, verheerenden Auswirkungen der Geschehnisse auf die Betroffenen zu beleuchten. Die Sympathien der Leser fliegen Anna zu, auch oder besonders in ihrem Leid, wogegen Karenin von Tolstoi mehr als kaltherziger, eigensinniger Charakter geschildert wird. Das Buch begeistert seine Leser seit Erscheinen bis in die heutige Zeit, auch, weil nicht nur die Geschichte von Anna Karenina erzählt wird, sondern parallel dazu den Lebensgeschichten der anderen Protagonisten eine entscheidende Rolle zukommt. Die gesellschaftlichen und politisch-sozialen Hintergründe machen diesen Roman zusätzlich zu einem äußerst lesenswerten, unterhaltsamen Werk von ungebrochener Zeitlosigkeit.

Fazit

„Anna Karenina“ ist ein nachdenklich stimmender und zugleich unterhaltsamer Roman, der grandiose Lesestunden verspricht. Das Buch eignet sich für alle, die spannende Familien- und Beziehungsgeschichten mögen. Der authentische, historische Hintergrund macht die Romanhandlung zusätzlich interessant.

Originaltitel
Анна Каренина
ISBN10
3257213719
ISBN13
9783257213713
Dt. Erstveröffentlichung
1985 (1877)
Taschenbuchausgabe
1248 Seiten

Eine Antwort zu
Anna Karenina

  1. Kolja

    Eine sehr gute Bespre­chung eines sehr lesens­wer­ten Buches!

    Tol­s­toi gibt uns einen inter­es­san­ten Ein­blick in die Stan­des­ge­sell­schaft des vor­re­vo­lu­tio­nä­ren, also zaris­ti­schen Russ­lands. Als Graf ent­stamm­te er dem alten rus­si­schen Adel, so dass er über die­se Gesell­schafts­schicht aus eige­ner Erfah­rung berich­ten konn­te, und das tat er meis­ter­haft.

    Der Wert sei­nes Buches liegt aber vor allem auch dar­in, dass dort außer der Sozi­al­kri­tik – wie die Rezen­sen­tin durch­aus zutref­fend fest­stellt – tief­sin­ni­ge philso­phi­sche Fra­gen zum mensch­li­chen Dasein auf­ge­wor­fen und psy­chi­sche Situa­tio­nen fein­sin­nig beleuch­tet wer­den. Schon dadurch wird Tol­s­tois Werk stets aktu­ell blei­ben.

    Ich bin gespannt, ob der neue Film, ins­be­son­de­re die Haupt­dar­stel­le­rin, dem hohen Anspruch des Wer­kes gerecht wird. Ich hat­te vor etli­chen Jah­ren eine sehr werk­ge­treue und künst­le­risch anspruchs­vol­le rus­si­sche Ver­fil­mung mit Tat­ja­na Samoi­lo­wa in der Titel­rol­le gese­hen. Sie setz­te Maß­stä­be, die wohl schwer zu über­tref­fen sind. Wie dem auch sei: Die­se Bespre­chung ver­dient gro­ßes Lob und somit unein­ge­schränkt fünf Punk­te!