Abaton (2) – Die Verlockung des Bösen

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mixtvision Verlag

Zusammenfassung zu “Abaton (2) – Die Verlockung des Bösen”

Eddas Großmutter Marie ist noch immer in der Gewalt von GENE-SYS, nachdem der erste Befreiungsversuch von Linus, Edda und Simon fehlschlug. Was die drei Jugendlichen nicht wissen: Jeder ihrer Schritte wird überwacht, ihre vermeintliche Freiheit besteht aus kontrollierten Aktionen, in die GENE-SYS jederzeit eingreifen kann. Sie sollen sich bewähren, im harten Leben auf den Straßen Berlins, ohne Geld und Unterkunft. Seit dem Camp kennen Edda, Linus und Simon den Jungen Thorben, einen Außenseiter, der in Edda verliebt ist. Als sie „Thorboy“, wie er sich inzwischen nennt, aufsuchen, kann ihnen dieser ihre Bitte nicht abschlagen. Zwar haben sie keine Bleibe gefunden, denn Thorbens Mutter ist über die drei unkonventionellen Jugendlichen entsetzt, doch zumindest konnten sie sich Geld für die nächsten Tage leihen.

Zeitgleich setzt GENE-SYS unter der skrupellosen Greta alles daran, Eddas Großmutter Marie durch ihre Träume das Geheimnis von Abaton zu entlocken. Dass die alte Dame dabei körperlich und psychisch an ihre Grenzen getrieben wird, ist Greta gleichgültig: Es zählt nur das große Ziel, das alle Mittel rechtfertigt. Doch in Maries Erinnerungen und Träumen scheint es eine Blockade zu geben. Das Geheimnis dreht sich um den Tag, an dem Bernikoff mit seiner Assistentin Marie vor Hitler auftreten und die Welt zum Guten verändern wollte. Was damals genau geschah, weiß niemand, und Marie kann sich aus Selbstschutz bisher nicht daran erinnern…

In ihrem Versuch, sich einen Plan zu Maries Befreiung auszudenken und gleichzeitig das tägliche (Über-)Leben auf der Straße zu meistern, finden Edda, Linus und Simon zwar hier und dort Verbündete wie den ehemaligen Insassen Bobo, doch sie sind weitgehend auf sich allein gestellt. Auch auf Olsen scheinen sie nicht mehr zählen zu können, denn Clint hat ihn aus dem Weg geräumt. Die drei Jugendlichen werden bei einer unvorsichtigen nächtlichen Aktion voneinander getrennt, doch um GENE-SYS anzugreifen und Marie zu befreien, müssen sie ihre Kräfte bündeln und zusammen arbeiten. Auch Greta ist daran gelegen, dass die drei wieder zusammenfinden, um ihr Potenzial zu beobachten. Sie ist sich sicher, dass es nicht lange dauern kann, bis die drei wieder vereinigt sind. Was auch sie nicht ahnt: Clint agiert inzwischen ohne den Auftrag von GENE-SYS und ist den Jugendlichen auf den Fersen. Als ausgebildeter Killer haben sie kaum eine Chance gegen ihn, und damit haben sie neben GENE-SYS einen weiteren Feind, von dem sie nichts ahnen und der in ihrer Situation weit gefährlicher ist…

Wichtige Charaktere

  • Edda Wilding
  • Simon Fröhlich
  • Linus
  • Bernikoff
  • Greta
  • Eddas Großmutter Marie
  • Thorben
  • Judith
  • Olsen
  • Clint
  • Bobo
  • Nikto
  • Lucy
  • Elisabeth
  • Dr. Fischer

Zitate

„Mit einem tiefen Seufzer, der bis in die Fundamente ihrer Beziehung zu Thorben reichte, ließ seine Mutter sich auf einen Stuhl am Küchentisch sinken und legte den Kopf in die Hände. Gerade als wäre Thorbens schamloses Treiben eine zu schwere Last, eine, die das kleine bunte Boot ihres Lebens nun jeden Augenblick zum Kentern bringen würde. Sie rollte kurz mit den Augen, schob die Unterlippe vor und schaute Thorben eindringlich an. Wie ein trauriger Karpfen, dachte er. Diese Gesichtskirmes! Wieso nur?“

„Und Edda bellte. Sie hatte keine Ahnung, warum sie das machte. Es tat ihr einfach gut, anders zu sein als die beiden Abziehbilder von ihrem eigenen Ich. Erst jetzt, im Spiegel der beiden Mädchen, begriff Edda, wie oberflächlich sie gelebt hatte. Sie war tatsächlich in einem Kokon gefangen gewesen. Gesponnen aus den Erwartungen der anderen an sie. Das, was sie in den letzten Monaten erlebt hatte, hatte sie befreit. Nicht als schöner Schmetterling war sie aus dem Gespinst entkommen, sondern als wahre, echte Edda. Als Kriegerin. Und so gefiel sie sich.“

„Linus hatte keine Ahnung von Fußball. Dieser stumpfsinnige Sport hatte ihn nie interessiert. Erwachsene Männer rennen hinter einem Ball her und die Meute johlt. Da war er seinen Eltern dankbar, dass sie ihm früh den Zweifel am Glück von Massenvergnügungen eingeimpft hatten.“

„‚Mich kotzt das einfach an, dieses Getue. ‚Bin ich hübsch?‘, ‚Kann ich zu Heidis Top-Moppeln hoppeln?‘, ‚Krieg ich einen reichen Kerl?‘, ‚Was tu ich nur gegen meine Cellulite?‘ Scheiße! Das hat doch mit dem Leben nichts zu tun! Die haben Cellulite im Hirn!‘
‚Was’n los?‘, fragte Simon, der genau spürte, dass Linus‘ Wut nur nach irgendeinem Ventil gesucht und diese Mädchen gefunden hatte.“

Alle Bände der Abaton-Trilogie

1. Vom Ende der Angst
2. Die Verlockung des Bösen
3. Im Bann der Freiheit

Links

Leseprobe (PDF) beim Verlag
Website zur Abaton Trilogie

Persönliche Bewertung

Ein anspruchsvoller Jugendthriller, tiefgründig und brillant erzählt

5 von 5

Zunächst überzeugt auch der zweite Band der „Abaton“-Trilogie durch seine gelungene Aufmachung: Hier sind es blaue abstrakte Figuren und Formen, die sich durch das Buch ziehen und es passend illustrieren. Eine erfreuliche Änderung lässt sich außerdem feststellen: Das Schriftbild ist deutlich augenfreundlicher als im ersten Band: Dank eines größeren Zeilenabstandes sind die verschiedenen Schriften viel besser lesbar. Zwar ist der zweite Band hierdurch um einige Seiten dicker, doch er liest sich sehr viel angenehmer.

Auch der zweite Band der „Abaton“-Trilogie ist eine Gesellschaftsstudie, eine Beziehungsstudie und ein einfallsreicher, actionreicher Thriller zugleich. Neben der spannungsvollen Handlung um die Machenschaften von GENE-SYS dokumentieren die Autoren, wie Edda, Simon und Linus erwachsener werden und sich mit ihrem neuen Leben arrangieren. Die Geschichte lebt von ihren mit großer Sorgfalt erdachten Charakteren und Familiengeschichten. Die Idylle der Vergangenheit, an die sich die Charaktere im Rückblick erinnern, lässt die Gegenwart, in der alle drei Hauptfiguren ihre Familie verloren und sich gegenseitig als Ersatzfamilie angenommen haben, umso grausamer erscheinen. Simon zum Beispiel erinnert sich an die Zeit, als sein kleiner Bruder David noch am Leben war, an Sonntage im Odenwald und an seine Mutter, die seinen Blick für die Schönheit in der Welt weckte, die ihre Söhne dazu aufforderte, genau hinzusehen, denn alles sei schön, sogar die Kröte im Erdloch. Edda dagegen erinnert sich, „wie sie als Kind geglaubt hatte, Kandiszucker wären süße Diamanten.“ Details wie diese machen die Charaktere so authentisch: Edda, Simon und Linus sind Figuren, die zu leben scheinen, mit einer Vergangenheit, die sie geprägt hat, mit eigenen, sich weiter entwickelnden Charaktereigenschaften.

Einige Passagen aus „Die Verlockung des Bösen“ sind fast philosophisch: Kann es das Gute ohne das Böse geben? Gehört die Angst zu bestimmten Situationen dazu, die ohne sie nicht vollkommen wären: „Gehörte Angst dazu, damit ein Kuss dieses Gefühl von Wärme, von Geborgenheit, von Auflösung und Neubeginn erschuf?“ Die Autoren regen ihre Leser dazu an, Stereotype zu hinterfragen: die Oberflächlichkeiten, die zu oft normal geworden sind in dieser Zeit und Gesellschaft, die Klischees von Schönheit und Liebe, von Freundschaft und Familie, die oft normalen Machtstrukturen, auch das populäre Thema Fußball wird hinterfragt. Dabei vermeiden die Autoren den erhobenen Zeigefinger und sind weniger Moralapostel als vielmehr ein Denkanstoß, eine Einladung zum Philosophieren, zum kritischen Denken und Hinterfragen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Nebencharakter Lucy, die die Nähe von Filmstars und anderen Berühmtheiten sucht, um ihren eigenen Schmerz, die Leere in ihrem Leben nicht zu spüren. Das für viele Jugendliche anziehende Rock’n’Roll Leben in Freiheit und Unabhängigkeit fordert hinter den Kulissen einen hohen Preis und ist nicht so verlockend, wie es scheinen mag.

Berlin ist als Kulisse gut gewählt – die Großstadt mit ihren vielen Facetten, die sowohl fasziniert als auch beängstigen kann. Die Autoren sprechen Probleme wie Drogen, Gewalt und Prostitution direkt an und schonen ihre Leser nicht. Dabei wirken diese Szenen nie zu drastisch, die Gewalt ist niemals Selbstzweck, sondern untermalt die Geschichte und die Botschaft dahinter. Einige Charaktere und ihre Einstellungen polarisieren und provozieren: der Söldner Clint, dessen Willen in seiner Kindheit auf brutale Weise von seinem eigenen Vater gebrochen wurde, hat keinen Respekt vor Menschen: Er sieht den Mensch als Masse, als Herdentier, das jedem hinterherläuft, der laut schreit. Die extremen Ansichten, die die beiden Autoren einigen ihrer Charaktere zugedacht haben, sorgen dafür, dass Dinge hinterfragt werden, denn auch die extremen Meinungen haben einen gewissen Anteil an Wahrheit in sich (die natürlich keine menschenverachtenden Ansichten rechtfertigen, aber dazu dienen sollten, das eigene Tun und Denken kritisch zu hinterfragen).

„Die Verlockung des Bösen“ ist weitgehend überzeugend und stimmig erzählt. Es gibt wenige Ausnahmen im Verlauf der Geschichte, an denen man zweifeln könnte: Nachdem Lucy zum Beispiel Edda ohne ihr Wissen zu einer Prostituierten gemacht hat und sie dazu gebracht hat, ihr erstes Mal unter Drogen und mit einem Freier zu verbringen, scheint ihr diese recht schnell zu verzeihen und reagiert fast verständnisvoll, obwohl sich Lucy etwas geleistet hat, das nicht zu entschuldigen ist, auch in ihrem verzeifelten Zustand nicht. Einige kleine Kritikpunkte müssen dennoch erwähnt werden. Zum einen fällt der Umgang mit dem Thema Rauchen auf: Während Edda noch im ersten Band das Rauchen aufgab, da es ihr nicht mehr schmeckte und sie sich weiterentwickelte, die Zigaretten als Teil ihrer vorherigen, oberflächlichen Maskerade ablegte, sind die Zigaretten in diesem zweiten Band wieder präsent. Hier werden sie keinesfalls als negatives Attribut verwendet, sondern können eher als Teil des freien, unbeschwerten Lebens der drei Charaktere auf der Straße verstanden werden, ohne Regeln, ohne Eltern und ohne Verbote. Zwar werden die in bestimmten Kreisen populären „American Spirit“ geraucht (es hätten genausogut die vom gleichen Konzern vertriebenen „Camel“-Zigaretten sein können), doch ob das recht unkritische Rauchen in einem Jugendbuch das richtige Signal setzt, ist fraglich.

Edda, Simon und Linus werden von GENE-SYS ausgesucht, weil sie bestimmte Eigenschaften aufweisen, weil sie sich durch ihre Stärke und ihre Beziehung zueinander, durch ihre Empathie untereinander auszeichnen. Sie sollen helfen, eine neue, bessere Gesellschaft aufzubauen. Sicherlich soll der Eindruck des Unperfekten entstehen, der jugendlichen Charaktere mit ihren Fehlern und Schwächen, die ganz alltägliche „Helden“ sind wie sie jeder Leser und jede Leserin sein könnte. Doch ob Jugendliche, die dem Rauchen, Fast Food von großen Burgerketten und Striptänzerinnen so unkritisch gegenüber stehen, wirklich die richtige Wahl sind, um eine bessere Welt aufzubauen, ist zweifelhaft. Klischeehaft wirkt Simons Vergnügen mit Nikto, als sie sich den typischen gedankenlosen Freuden hingeben, die zum Klischee des plötzlichen Reichtums gehören: Dekadenz und Verschwendung, überteuertes Essen, Luxus-Suites und Prostituierte. In der gleichen Zeit wird Edda selbst – unwissentlich – zur Prostituierten. Dass die Rollen in dieser Weise klischeehaft verteilt sind, mag der Tatsache geschuldet sein, dass die Autoren das Szenario möglichst authentisch darstellen wollten, Simons Reichtumsexzess macht ihn jedoch für den kritischen Leser nicht sympathischer. Und ob darüber hinaus in einem solch emanzipierten und kritischen Buch unbedingt konservative Geschlechterklischees (entschlossen = männlich) reproduziert werden müssen, sei dahin gestellt. Es mag aus dem Blickwinkel des Charakters zu verstehen sein, wirkt aber dennoch ein wenig fehl am Platz.

Fazit

„Abaton“ ist keine reine Unterhaltungslektüre, sondern eine anspruchsvolle Trilogie mit einem komplexen Aufbau voller Perspektiven- und Zeitwechsel, die ihre Leser fordert, die provoziert, zum Nachdenken anregt. Wer seichte Unterhaltung sucht, wird mit „Abaton“ nicht warm werden. Wer jedoch tiefgründige, anspruchvoll geschriebene Geschichten schätzt, in denen sich Fiktion und Realität gekonnt verbinden, findet in dieser Trilogie genau die richtige Lektüre! Das offene Ende sorgt dafür, dass Vorfreude und Spannung auf den dritten Teil geweckt werden, der im Sommer 2013 erscheinen soll.

ISBN10
393943552X
ISBN13
9783939435525
Dt. Erstveröffentlichung
2012
Gebundene Ausgabe
400 Seiten
Empfohlenes Lesealter
Ab 14 Jahren